Gelesen: Arbeit und Struktur

Vor etwas mehr als einem Monat habe ich die Buchausgabe von Wolfgang Herrndorfs Blog »Arbeit und Struktur« fertiggelesen. Der Inhalt ist bekannt: Herrndorf erhält die Diagnose, an einem rasch zum Tode führenden Hirntumor zu leiden. Er entscheidet sich, die ihm bleibende Lebenszeit mit Arbeit und Struktur zu füllen, beendet die beiden Romane »Tschick« und »Sand« und nimmt sich zum Schluss, so wie er es von Anfang an geplant hat, das Leben.

Wer das Buch zur Hand nimmt, weiß also, wie es endet. Kennt vielleicht das Foto von Herrndorfs Todesort. Oder hat vielleicht schon das Blog gelesen und bereits getrauert.

Durch die Buchform und das damit einhergehende komprimierte Lesen bekommt die Geschichte aber noch einmal eine neue Wucht. Und die Entwicklung des Protagonisten, des Erzählers – herrgott, die Entwicklung Herrndorfs halt hat mich noch tiefer beeindruckt als ohnehin schon. So muss man es machen, dachte ich oft: So muss man sterben können. Diese Klarheit, diesen Mut und diese Aufrichtigkeit der Gefühle möchte ich, wenn’s ans Ende geht, auch haben.

Dieses Buch wird bei mir bleiben, bis ich den Löffel abgebe. Ich hoffe, mich auf den letzten Metern daran zu erinnern, dass es mir Trost sein kann.

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Gelesen: Tschick

Herrndorf_Wolfgang-TschickViel zu spät, aber mit großer Freude habe ich jetzt endlich das Buch gelesen, mit dem Wolfgang Herrndorf 2010 der Durchbruch gelang. »Tschick« ist ein Road Movie zweier 14jähriger Jungs, die in den Sommerferien ein Auto stehlen und auf ihrer Reise quer durch Deutschland einen Haufen wilder Sachen erleben. Ein unglaublich zärtlicher, rührender, zugleich total spannender Roman, den unser Sohn sicher in die Hand gedrückt bekommt, wenn er im entsprechenden Alter ist.

Format
Ein E-Book aus der Bibliothek von Skoobe. Da hat der H. ein Abo, weil er Krimis frisst wie andere Leute Schokolade. Ich darf das mitnutzen.
Es war außerdem das erste Buch, das ich komplett am Smartphone gelesen habe. Ging nach einer Weile sehr gut. Anfangs dachte ich, dass es mir schwer fallen würde, mich ohne den Anker des Objekts an das Buch zu erinnern. Mal sehen, wie es in ein paar Monaten aussieht. Ich glaube aber, der Text ist stark genug, um sich selbst zu tragen.

Bibliografie
Wolfgang Herrndorf: Tschick. Rowohlt Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-87134-710-8

Ich suche eure Trauer

Seit ich gestern gelesen habe, dass der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf sich das Leben genommen hat, suche ich in den Blogs nach Abschiedstexten. Und finde nichts. Sein Schreiben, seine Krankheit, sein Blog „Arbeit und Struktur“ waren Teil meines Internets, aber es ist, als gäbe es darin keinen Platz mehr für persönliche Nachrufe. Auf Twitter und Facebook rauscht etwas vorbei, da und dort taucht ein Kommentar auf, ein bekannter Name, aber nicht mehr.

Dieses Internet ist schmerzfrei geworden. Professionell, witzig, vollautomatisch verlinkter Content. Mir fehlen die Schmerzensmänner und -frauen, die Blogger_innen in der Nacht. Ich geh jetzt zum Kühlschrank. Diese Flasche ist für Sie, Herr Herrndorf. Und für euch, die ihr euch erinnert.