Gelesen: Arbeit und Struktur

Vor etwas mehr als einem Monat habe ich die Buchausgabe von Wolfgang Herrndorfs Blog »Arbeit und Struktur« fertiggelesen. Der Inhalt ist bekannt: Herrndorf erhält die Diagnose, an einem rasch zum Tode führenden Hirntumor zu leiden. Er entscheidet sich, die ihm bleibende Lebenszeit mit Arbeit und Struktur zu füllen, beendet die beiden Romane »Tschick« und »Sand« und nimmt sich zum Schluss, so wie er es von Anfang an geplant hat, das Leben.

Wer das Buch zur Hand nimmt, weiß also, wie es endet. Kennt vielleicht das Foto von Herrndorfs Todesort. Oder hat vielleicht schon das Blog gelesen und bereits getrauert.

Durch die Buchform und das damit einhergehende komprimierte Lesen bekommt die Geschichte aber noch einmal eine neue Wucht. Und die Entwicklung des Protagonisten, des Erzählers – herrgott, die Entwicklung Herrndorfs halt hat mich noch tiefer beeindruckt als ohnehin schon. So muss man es machen, dachte ich oft: So muss man sterben können. Diese Klarheit, diesen Mut und diese Aufrichtigkeit der Gefühle möchte ich, wenn’s ans Ende geht, auch haben.

Dieses Buch wird bei mir bleiben, bis ich den Löffel abgebe. Ich hoffe, mich auf den letzten Metern daran zu erinnern, dass es mir Trost sein kann.

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Mach Dir keine Sorgen

Grab_Marlen_Haushofers_2»Mach Dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zu wenig gesehen, wie alle Menschen vor Dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zu wenig, wie alle Menschen vor Dir. Vielleicht hast Du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von Dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können. Du hast viele Schmerzen ertragen, ungern – wie alle Menschen vor Dir. Dein Körper war Dir sehr bald lästig, Du hast ihn nie geliebt. Das war schlecht für Dich – oder auch gut, denn an einem ungeliebten Körper hängt die Seele nicht sehr. Und was ist die Seele? Wahrscheinlich hast Du nie eine gehabt, nur Verstand, und der war nicht bedenkend der Gefühle. Oder war da manchmal noch etwas anderes? Für Augenblicke? Beim Anblick von Glockenblumen oder Katzenaugen und des Kummers um einen Menschen, oder gewisse Steine, Bäume und Statuen; der Schwalben über der grossen Stadt Rom.
Mach Dir keine Sorgen.
Auch wenn Du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf. Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen. Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken.
Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.
Mach Dir keine Sorgen – alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor Dir.
Eine völlig normale Geschichte.

Steyr, 26. 2.1970
Marlen Haushofer«

Mein Freund J. hat mich, bezugnehmend auf diesen Blogpost, auf diesen Text von Marlen Haushofer hingewiesen. Er hat, da stimme ich J. zu, etwas Tröstliches. Dennoch ist sehr viel Leid darin zu spüren, angesichts dessen ich nur schweigen kann.

Eine sehr schöne Würdigung von Marlen Haushofer und ihrem Werk findet sich übrigens hier.

Foto: Wikimedia Commons // Das Grab Marlen Haushofers am Steyrer Taborfriedhof // Christoph Waghubinger (Lewenstein)