All is full of love

Heute beim Deutschkurs in Liesing im Foyer drei ältere Leute getroffen, zwei Frauen, einen Mann, Pensionist*innen, neu im Haus, sich orientierend, ganz offensichtlich Freiwillige.

„Sind Sie von hier?“, fragte ich. Sie verstanden nicht gleich. „Aus Liesing, meine ich.“ Ja, sagten sie, und mir entfuhr ein „Gottseidank!“. Gottseidank, dass hier auch Menschen leben, die unsere Flüchtlinge aufnehmen und willkommen heißen.

Sie lachten ironisch, sie müssten ja auch etwas für das Image von Liesing tun, „Es sind nicht alle so hier“. Man muss es gar nicht mehr erklären, was mit „so“ gemeint ist, ich konnte ihnen die Erschütterung und die Beschämung über die Hetze ansehen, für die man Liesing jetzt kennt, sie sprachen noch kurz untereinander, ob sie jemanden bei der FPÖ-Demo erkannt hätten, aber nein, es war zu weit weg.

Mitra, die Sozialarbeiterin, die das Deutschprogramm im neuen Haus organisiert, war quirlig: 30 Leute hätten sich gemeldet, die Deutschkurse anbieten wollten! Dann suchte sie für mich einen Raum, aber es waren Freiwillige und Kinder überall. Ich war so, so froh!

Rasul Ahmadi saß im Foyer und wartete auf die Auszahlung vom Geld, ein paar Meter weiter rannte mir Faride Ahmadi unter der Tür in die Arme, buchstäblich, weil wir uns sofort fest umarmten, ganz überraschend und richtig, richtig schön. Was passiert hier mit mir?

Nilofen bat mich wie immer zu sich und ihrer Familie ins Zimmer, wo wir uns wie immer überhaupt nicht unterhalten konnten, aber aneinander freuten. Dann machte ich Deutsch mit den Ahmadis. Weniger Geblödel als sonst, weil wir jetzt mit einem Lehrbuch arbeiten können, aber immer noch sehr gut. Das fröhliche Erstaunen, als Rasul plötzlich mit seiner Frau einen Dialog in Deutsch zustandebringt <3.

Beim Gehen frage ich sie dann nur kurz, ob sie wirklich lang im Iran waren, wie mir einmal ein englisch sprechender Irani erzählt hat. Ja, waren sie, und Rasul hat sofort Tränen in den Augen. Aber er kann damit umgehen, und ich würde so gern mehr von ihnen wissen.

Politische Gegner

Heute Nacht habe ich von Hannah Arendt geträumt (muss ich immer zur Sicherheit nochmal googeln, den Namen). Sie war schon sehr alt, klein und zart, aber immer noch so klug und scharfsinnig wie früher, und sie lag da, in meinen Arm gekuschelt, und sprach. Worüber, das weiß ich nicht mehr. Aber heute ergibt der Traum Sinn.

Ich war gestern auf der Demonstration für das Flüchtlingsheim in Liesing und bin nach Ende der Veranstaltung mit einer Teilnehmerin der FPÖ-Demonstration, die das Heim ablehnt und gegen die aufzutreten wir uns versammelt hatten, ins Gespräch gekommen. Die Frau war Taxifahrerin, nett und lustig und ebenso interessiert am Austausch wie ich. Sie hat Angst, dass auch in Österreich Terroranschläge des IS stattfinden werden, dass sie bald nicht mehr Deutsch und Dialekt sprechen kann, weil so viele Fremde kommen. Sie ist keine Rassistin, sondern sagte immer wieder, man müsse die Einzeltäter finden, das könne nicht gelingen in Flüchtlings-Massenquartieren. Sie wusste, Multikulturalität gehört zum Leben in der Stadt, in jeder Stadt – für sich hat sie entschieden, lieber zurück aufs Land zu ziehen.

Solche Leute wie sie müssten wir gewinnen können, denke ich seither. Um die wäre zu kämpfen, denen müssten Angebote gemacht werden, die sie verstehen, die sie abholen. Heinz und seine Kumpane sind für die Demokratie verloren, bei ihnen ist alles vergebliche Liebesmüh. Die Taxifahrerin hingegen will selber in eine Unterkunft fahren und sich ein Bild machen. In ihrer Tasche hatte sie ein Österreich-Fähnchen, weil sie sich Sorgen um das Land macht, und es war für sie selbstverständlich, auf die FPÖ-Demo zu gehen.

Ich denke, wenn wir klarer sagen würden, wer unser politischer Gegner ist, könnten wir Leute wie die Taxifahrerin auch wieder sehen, die das nicht ist. Die Konsensdemokratie ist an ihrem Ende angelangt, sie wurde von rechts dorthin geführt. Den Gegner zu benennen hieße auch zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Ich wünschte, es wäre soweit.

Uaaahh :: Zinckgasse

Heute haben wir ein Anbot für den Kauf einer Eigentumswohnung unterschrieben. Großer Wohnraum, drei Schlafkabinette, Balkon, Altbau, ruhige, kühle Lage direkt hinter dem Westbahnhof, gute Volksschule gegenüber und Billa in Sichtweite. Tolle Ausstattung, günstiger Preis.

Ich würde mich gern mehr freuen können, aber das kommt vielleicht erst. Im Moment denke ich nur, wie ungerecht es ist, dass meine Ahn*innen halt irgendwann am Land zwei, drei Äcker gekauft haben, die jetzt zu Bauland umgewidmet und verkauft werden konnten. Dass 200.000 Euro lukriert und angelegt werden können, für die ich nichts getan habe und auch meine Eltern nicht und eigentlich niemand, den ich kenne. Es ist so ein unverdientes Geschenk und ein so großes, dass ich mich dafür schäme. Ich denke nach, wann und wie ich es meinen Freund*innen sagen kann, wann und wie ich sie einladen und ihnen die Wohnung zeigen kann, wann und wie ich das schaffe. Ich glaube, in meinem Freundeskreis könnte niemand sich eine Wohnung kaufen. Meine Eltern schauen immer komisch, wenn ich ihnen sage: In meiner Welt sind wir die Reichen.

Dann kommt noch dazu, dass man auf 90 Quadratmetern mit drei Schlafkabinetten locker sechs Leute unterbringen könnte, für eine Übergangszeit auch mehr. Was soll ich der syrischen Familie sagen, die jetzt in einer Wohnung mit einem Schlafzimmer leben, wo die drei Kinder gemeinsam auf der Auszieh-Eckcouch schlafen? Sie haben N. und mich zum Besuch inklusive Essen eingeladen, es war total nett, ich möchte sie zum Gegenbesuch einladen und schäme mich für meinen Luxus und mein Glück, für die ich – siehe oben – wirklich gar nichts getan habe. Für die Familie ist es eine große Verbesserung, aus dem Massenquartier herauszusein, sie sind auf einem guten Weg, haben schon den positiven Asylbescheid, der Mann, M., hat sogar einen Job bekommen, die Frau, N., hatte bisher nur den Beruf der unbezahlten Hausfrau, da wird es schwer mit der größeren Wohnung, aber wer weiß, was sie noch schafft, sie ist jung und klug.

Und ich schäme mich, dass wir niemanden aufnehmen werden in unsere Wohnung.

Vielleicht in ein paar Jahren, wenn unser N. größer ist. Oder mir fällt etwas anderes ein, mit dem ich meine Schuld gegenüber dem Universum ausgleichen kann.

Adnan

Er war, wie oft wird es gewesen sein?, drei-, viermal bei mir im Deutschunterricht. Groß, dünn, ein lustiges Gesicht. In der ersten Stunde hat er, wie die meisten, die Jacke nicht ausgezogen, es war schon kalt und der Raum, in dem wir lernen sollten, gerade erst eine Viertelstunde geheizt.

Aus dem Irak ist er, er kann unsere Schriftzeichen, seinen Namen schreiben, sein Geburtsdatum. Manchmal zieht er eine billige Lesebrille aus der Tasche und setzt sie auf.

Einmal hatten wir eine sehr lustige Stunde, mit ihm und Huda, die auch aus dem Irak ist, und anderen Frauen. Wir haben gelernt und geblödelt. Keine Sekunde war da ein Geschlechterstress. Danach haben sie mich ins Raucherkammerl eingeladen, und Huda und er und ich haben versucht, uns zu unterhalten.

47 ist er, vier Kinder hat er, von denen eines bei ihm ist, wenn ich es richtig verstanden habe, und er war Lastwagenfahrer von Beruf. Als er das erzählt, habe ich den Eindruck, er schämt sich ein wenig dafür. Wenn seine Frau wieder bei ihm ist, wird mir übersetzt, will er mit ihr noch ganz viele Kinder machen – wir lachen, es ist ein Witz.

Letzte Woche war er nicht im Kurs, und heute auch nicht, aber als ich grad gehe und unten ander Rezeption vorbeikomme, steht er da und spricht mit der Frau vom Verein hinter dem Tresen. Neben ihm ein junger Mann, der dolmetscht. „Adnan!“, rufe ich und bleibe stehen. Er schaut mich an, denkt kurz nach und sagt: „Pamihla!“ Und freut sich, weil er sich meinen Namen gemerkt hat.

Die Frau sagt mir, er sei gerade beim Amt gewesen und habe seinen Bescheid erhalten. Adnan zieht einen Zettel aus der Klarsichtfolie, blättert herum, zeigt mir eine Seite, die Frau spricht weiter: „Bulgarien oder Schweden sollen zuständig sein.“ Ah ja, da steht es ja. Adnan zieht Ausweise aus der Tasche, ein Visum oder einen Einreisestempel aus Bulgarien, von 2008, einen schwedischen Ausweis. Mit den Fingern malt er die Stationen auf den Tresen: Irak – Bulgarien – Schweden – zurück nach Bulgarien – zurück in den Irak – von dort nach Österreich. Er lächelt tapfer, wie immer.

Wenn er 2008 in Bulgarien war, ist er seit acht Jahren unterwegs. Seine Kinder wachsen ohne ihn auf. Ich versuche, mir das vorzustellen. Er versucht, mit der Frau am Tresen zu kären, was ihm vom Amt jetzt weiter zu tun aufgetragen wurde. Morgen um acht Uhr früh muss er zur Diakonie, er soll pünktlich sein, es sind viele Menschen dort.

Ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehe, ob er sofort abgeschoben wird oder ob er Einspruch erheben kann und will. Ich will ihn eigentlich um seine Handynummer bitten oder ihm meine geben, aber ich traue mich nicht. Hilflos sage ich „Alles Gute!“, der Dolmetscher übersetzt, Adnan gestikuliert, will es auf ein Post-it aufgeschrieben haben. Dann trolle ich mich.

Ich bin fröhlich. Ich bin traurig.

Heute mit N. zum ersten Mal beim „Deutsch für Mütter“-Kurs, schauen, ob N. mich unterrichten lässt oder lieber will, dass ich bei ihm in der Kinderbetreuung bleibe. Eine entfernte Verwandte, M., junge Rechtsanwältin, ist auch da, ich erkenne die Verwandtschaft nur an dem ungewöhnlichen Familiennamen, der mir schon im Mailverteiler aufgefallen war.

Sympathische Frauengruppe, die die Veranstaltung im Griff hat, auch als ganz andere Menschen zum Lernen kommen als in der Woche zuvor beim ersten Termin. Ein Rudel zehnjähriger Buben ist dabei, junge Frauen, eine ältere, zwei Männer. Kurz bin ich bei einer etwas fortgeschritteneren Gruppe, die M. unterrichtet, wir üben: Ich bin fröhlich. Du bist föhlich. Ich bin traurig. Ich bin aus Syrien. Ich bin aus Afghanistan. Ich bin aus dem Iran.

Ein seltsamer, beschämender Lapsus passiert mir. Der Mann erzählt: Ich bin aus Syrien. Und ich sage: Musst du weinen? Und deute mit meinen Fingern unter den Augen Tränenbahnen an. – Das ganze kurze Gespräch war unter freundlichem Lachen geführt, und mein Hirn dachte noch und meinte vielleicht eigentlich: Wenn er das Wort „traurig“ lernt, dann gehört „weinen“ im Bedeutungsfeld dazu. Aber eigentlich sprach da etwas anderes aus mir, etwas, das sich an die vielen Geschichten von syrischen Fluchten erinnerte und an die Bilder, und die ganze herausgeplatzte Frage war nur unpassend und viel zu übergriffig.

Wie die Schwäche und Angewiesenheit der anderen das Brutale in mir zum Vorschein bringt. Das gefällt mir nicht, aber ich weiß nicht, wie es sich ändern ließe.

Der N. jedenfalls fühlt sich eine Weile wohl, besteht dann darauf, dass ich den Unterricht beende und zu ihm in die Kinderbetreuung komme, haut sich den Kopf an, brüllt, will vorgelesen kriegen, macht einen Mordszirkus. Aber er kommt happy und aufgedreht heim, und das Mädchen, das auch da war, fand er interessant, und den Zehnjährigen hat er zum Abschied Luftballons geschenkt. Wir gehen wieder hin, nächste Woche – ich glaube, er kann sich an die Gruppe gewöhnen und mich später einmal unterrichten lassen.

Im Bus dann noch V. vom Milenaverlag getroffen. Wir hatten uns Jahre nicht getroffen, gewollte Distanz. Nachdem sie mich als Erste gesehen und begrüßt hatte, liefen meine Smalltalk-Angebote bei ihr vor die Wand. Zum Abschied berührt sie mich unklar am Arm. Still, I like her.

Generation Hauptbahnhof

Heute war ich nach langer Zeit wieder bei der Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof. Auf Facebook las ich, dass die Lebensmittelspenden langsam weniger werden, und füllte deshalb wie erbeten beim Bahnhofs-Spar zwei Nachziehkörbchen mit Wasser, Saft, Obst und Milchbrötchen, um sie dann mit dem Lift hoch auf den Bahnsteig und am anderen Ende des Bahnsteigs über die Treppe wieder hinunter zur Bahnhofshilfe zu schleppen.

Zum Mithelfen hatte ich keine Zeit, aber es waren ohnehin viele Leute vor Ort. Die extreme Leistungsfähigkeit der Bahnhofshilfe beruht halt auch auf enormen Personalreserven und auf der Tatsache, dass Leerläufe kein Problem darstellen.

Die Stimmung heute war anders als bei meinem Arbeitsbesuch vor ein paar Wochen, kam mir vor. Damals war viel Euphorie bei den Helfer*innen zu spüren, viel berechtigter Stolz darauf, etwas aus dem Nichts geschaffen und vielen Menschen das Leben leichter gemacht zu haben. Heute war es ruhiger, müder, ernster, trauriger auch, meine ich. Dazu trägt wahrscheinlich vor allem die politische Lage bei, die den Flüchtenden viel Hoffnung geraubt haben muss. Aber es sind natürlich auch die Mühen der Ebene jetzt deutlich spürbar, der lange Herbst, der noch längere Winter, die vor uns und vor allem vor den Flüchtenden liegen. Was passiert, wenn nächste Woche wieder die Uni beginnt? Wer kümmert sich dann?

Wie es aussieht, werde ich zumindest eine Weile arbeitslos sein. In der Zeit möchte ich mithelfen und vor allem sauber machen. Das ist auch gut für die Seele, wenn es halbwegs ordentlich aussieht.

Familien saßen beim Hauptbahnhof in der Eingangshalle am Boden, junge Männer mit abgelatschten Chucks, erschöpfte Mütter, ihre Kinder eingeschlafen wo sie lagen – Bilder wie aus dem Internet, einer Frau lächelte ich zu, ich hoffe, sie hat es nicht falsch verstanden, auf die Kinder konnte ich nicht schauen, da stieg mir schon das Wasser in die Augen, mein Besuch war ganz sachlich gewesen und plötzlich auf dem Weg raus flog mich die Verzweiflung an, es ist eine Schande und ein Skandal und die eigene Hilflosigkeit ist nicht auszuhalten.

Septemberende

Noch etwas wackeliger Kreislauf, deshalb am Nachmittag mit dem Kind daheim, vorlesen, spielen, dann kochen. N. langweilt sich ein wenig, wie immer bin ich eifersüchtig, wenn dann der H. nach Hause kommt und N. ihn nach einem schweigsamen gemeinsamen Nachmittag ohne Punkt und Komma anquasselt. Dass wir unterschiedlich sind und unterschiedlich mit dem Kind leben, ist manchmal schwer akzeptabel.

Nach der Handvoll Bewerbungen, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe, kam heute eine erste Eingangsbestätigung. Auch noch von dem Jobangebot, das auf meiner Liste ganz, ganz, aber auch schon ganz weit oben steht: Die Arbeitsbeschreibung passt zu mir wie von meinem Lebenslauf abgemalt, Arbeitszeit und Gehalt sind genau, was ich mir wünsche, und das Beste – die liebe Freundin fängt dieser Tage bei eben dieser Institution als neue Mitarbeiterin an. Ob es was wird?

Die Wahlergebnisse in Oberösterreich lassen mich heute schon wieder relativ kalt. Auch wenn das großkotzig klingt: Angst und Panik ist für mich nicht angebracht, weil mir als weiße Akademikerin mit Grundbesitz wirklich nichts passieren kann. Bezahlen werden die, die der FPÖ jetzt ihre Stimme gegeben haben, die kleinen Leute, die sich nichts merken und nichts lernen und wie die Kinder den Eltern von SPÖVP eins auswischen wollen. Und natürlich alle Schwachen, Ausgeschlossenen und Schutzbedürftigen. Ich weiß nicht einmal, wie groß der Schaden an der Zivilgesellschaft sein wird. Mit Blick auf die Bahnhofsbewegung mache ich mir da keine allzu großen Sorgen, im Gegenteil. Aber natürlich ist das auch naiv. Es gibt unverzichtbare zivilgesellschaftliche Strukturen, von denen man in der Öffentlichkeit wenig hört und die schwer zu schädigen einer FPÖ-Regierungspartei natürlich möglich wäre. Das fangen Freiwillige nicht vollständig auf, und auch hier bezahlen wieder die Schwächsten.

Es gibt viel zu tun.