Labyrinth-Gedächtnis-Blogpost

Damals schlief ich noch mit meiner Schwester in einem Zimmer. Ich weiß das, weil ich mich deutlich erinnere, mich auf das obere Stockbett geworfen zu haben. Und ich weiß mit Sicherheit, dass ich seufzte: »Warum passiert mir nie sowas?«

Bei einem Märchenfilm wie »Labyrinth«, aus dem wir gerade heimgekommen waren, ist das natürlich eine seltsame Frage. Warum werden meine Plüschtiere nicht lebendig? Warum darf ich nicht meine Kräfte mit David Bowies Leggins einem Koboldkönig messen? Warum tanze ich nicht auf einem Maskenball in einer Glaskugel?

In Wirklichkeit bezieht sich die Frage natürlich auf etwas anderes, und die Reaktionen vieler Frauen, die heute nach David Bowies Tod von »Labyrinth« erzählten, ließen daran auch keinen Zweifel. Es war eine wunderschön anzuschauende, spannende und berührende Coming-of-Age-Geschichte, deren sexuelle Untertöne ich damals kaum verstand, die aber stark spürbar waren und viel dazu beitrugen, dass der Film sich in mir über Monate oder vielleicht sogar Jahre festsetzte.

Für mich war »Labyrinth« aber auch eine – vielleicht die erste – von vielen Geschichten, die mir den Glauben an den Märchenprinzen austrieben, noch bevor er überhaupt richtig festgesetzt war. Was für ein Glücksfall! Als Sarah im Schlussshowdown Jareth gegenübersteht und er in letzter Not noch einmal sein Süßholz abraspelt, schaltet sie einfach auf Durchzug, bis ihr die entscheidenden Worte wieder einfallen: »Du hast keine Macht über mich.« Und das war es dann. (YouTube-Link)

Dann ist der Zauber vorbei – fast. Denn ihre neuen Freunde bleiben bei ihr. Und es blieb bei der Zuschauerin auch die Melancholie darüber, dass Sarah ihren erfundenen Märchenprinzen austreiben musste. »I can’t live within you« (YouTube-Link) hatte eine von Jareths Balladen geheißen. Niemand in dem Film hielt es jemals für eine gute Idee, sich mit einem dominanten Alphatier in den schon erwähnten Leggings einzulassen, nicht einmal der König selbst.

Wie gesagt – was für ein großer, großer Glücksfall.

In den folgenden Jahren wurde ich David-Bowie-Fan, und ob er mir gefiel, weil ich seltsam war, oder ob ich seltsam wurde, weil er mir gefiel, lässt sich überhaupt nicht sagen. Woher ich Bowie überhaupt kannte, habe ich  den wenigen Menschen, mit denen ich über ihn sprechen konnte, verschwiegen. Denn das wusste ich schon, dass Kulturprodukte, die sich an Mädchen richten, als lächerlich gelten, egal wie gut sie gemacht sein mögen.

»Low« (YouTube) wird für immer eine Lebensplatte von mir sein, auch wenn ich sie nur in einer Kassettenversion vom Markt in Lignano kenne, ebenso »David Bowie live at the Tower Philadelphia« (YouTube). Bei »Never Let Me Down« bin ich dann ausgestiegen, die letzten Veröffentlichungen sind mir egal geblieben. Die Trauer, die heute nach Bowies Tod in sämtlichen Social-Media-Kanälen ausbrach, teilte ich nicht. Ich war schon viel zu weit weg. Später daheim hörte ich nur kurz »Absolute Beginners«

Es war einfach großartiges Songwriting.

Und es war die Stimme.

Also hoch die Tassen auf einen Künstler, der einen Teil von jedem unserer Herzen verzehrt hat!

 

(Und der, nebenbei, auch ein wirklich eher nur so mittelmäßig guter Schauspieler war. Küsschen!)

 

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Gesehen: glam!

Karl_Stoecker_Brian_EnoIm Linzer Kustmuseum Lentos läuft noch bis Anfang Februar die Ausstellung »GLAM! The Performance of Style. Musik | Mode | Kunst«. Wäre ich nicht zufällig am 4. Jänner in Linz gewesen und hätte mich nicht von der Fassade des Lentos ein riesiges Porträt von David Bowie als Aladdin Sane angeglotzt, hätte ich sie glatt verpasst. Und was soll ich sagen: Ich hätte leider nicht viel versäumt.

Nicht falsch verstehen: Natürlich macht das alles glücklich – das Make-up, der Glitter, die Schminke, all die Männer in ihren schönen, durchgedrehten Outfits lassen mir das Herz aufgehen und mich noch nachträglich jubilieren, dass all das möglich war und ist. Aber die Ausstellung fragt halt fast gar nicht nach den Bedingungen dieser Möglichkeit. Kurz wird erwähnt, dass Homosexualität seit 1967 in Großbritannien nicht mehr illegal war. Hauptsächlich ist aber von Kunstunis, Hochschulen und anderen elitären Zirkeln die Rede, in denen sich Männer gegenseitig gefördert und einen Hype produziert haben. Glam wird in der Ausstellung gänzlich unreflektiert als weiße, männliche, homoerotische Bewegung der Mittelschicht sichtbar. Frauen tauchen erst wieder auf, als es um die Reflexion von Glam in der Kunst geht.

Das war vor allem deshalb überraschend, weil die Ausstellung eigentlich ganz anders beginnt: mit schwarz-weißen Porträtfotos junger britischer Frauen, die Fans waren und das ausdrückten, indem sie ihre Jeans und T-Shirts beschrifteten. Aufgenommen in der ärmlichen Umgebung, in der sie lebten, bleiben diese ganz unglamorösen jungen Frauen völlig unbesprochen und unbefragt.

Aus vielen Gründen finde ich das schade. Einer davon ist, dass ich selbst als Teenager, 20 Jahre nach den jungen britischen Fans, festsitzend in einer ebenso langweiligen Umgebung wie sie, mit Haut und Haaren den androgynen Charakteren David Bowies verfallen bin. Damals fühlte ich mich oft, als wäre ich Kurt Cobain, und bis heute steht für mich nicht fest, ob ich Bowie sein oder haben wollte. Bowie-Fan zu sein war auf jeden Fall noch lange später so etwas wie ein Erkennungszeichen: Man wusste sofort, dass man sich nicht mit dem konservativen Männer-Frauen-Scheiß aufhalten musste, sondern gemeinsam etwas anderes besser fand.

Bild: Karl Stöcker // Brian Eno Wearing Stage Costume Designed by Carol McNicoll // 1973