Lebenslauf

< 10

Ich komme in Oberösterreich als erstes Kind von 24jährigen Eltern zur Welt. Das ist damals, Mitte der 70er-Jahre, normal. Zwei Jahre später wird meine Schwester geboren. Wir wachsen in einer klassischen Kernfamilie auf: Mutter bleibt daheim, Vater arbeitet und bildet sich abends weiter, um Karriere zu machen und mehr Geld zu verdienen. Wir sehen bis zu seiner Pensionierung nicht mehr viel von ihm.

Schon vor dem ersten Schultag ist klar, dass das mit dem Sport und mir nichts wird: Ein Probetraining Schnupperabend beim örtlichen Turnverein überrascht mich mit gleichaltrigen Kindern, die freischwingende Taue hochkraxeln und andere Kunststücke vollbringen. Ich werde nicht Turnvereinsmitglied.

In der Volksschule tue ich mich leicht. Meine Mutter hat mir schon vor dem Kindergarten das Lesen beigebracht, so dass diesmal ich die anderen Kinder beeindrucken kann. In den ersten beiden Jahren habe ich reizende, liebevolle Volksschullehrerinnen, in der dritten und vierten Klasse allerdings werden wir dem ortsbekannten Trinker, Kinderprügler und intellektuellen Provinzkapazunder von Dorfschullehrer zugeteilt. Ich bin aus irgendwelchen Gründen sein Liebling und bleibe daher verschont.

Die Klassenlisten sind alle vier Jahre alphabetisch: erst die Buben von A bis Z, dann die Mädchen.

Einzelne türkische Kinder werden von allen Lehrkräften ignoriert.

< 20

Im Gymnasium verliebe ich mich am ersten Schultag in den klügsten Buben der Klasse. Bis heute erinnere ich mich an den ersten Satz, den ich zu ihm sagte: »Woher weißt du das?« Meine erste Veröffentlichung erscheint in einem kostenlosen Literaturmagazin, das auf dem Postamt ausliegt. Es handelt sich um eine von jeder Erfahrung freie literarische Skizze einer erotischen »Der-Morgen-danach«-Situation, an die ich bis heute nur mit äußerster Beschämung denken kann. Auf dem mit abgedruckten Autorinnenbild sieht man ein blasses Mädchen mit riesiger dicker Brille und Latzhose. Meine Klassenvorständin bittet mich, die Geschichte im Unterricht vorzulesen. Ehrlicher Applaus.

Ein Inserat mit der Bitte um Brieffreundschaft, das ich in eben diesem kostenlosen Literaturmagazin aufgebe, schwemmt mir eine unbewältigbare Fülle von Post ins Haus. Mit einem Philosophiestudenten ergibt sich eine längere Korrespondenz, die zu unschönen Treffen führt.

Weil ich noch immer unsportlich bin, aber in meiner Freizeit etwas unternehmen will, schließe ich mich mit 14 eher aus Mangel an Alternativen denn aus innerer Überzeugung der katholischen Jungschar an und übernehme dort später eine Gruppenleitung. Ich versuche viele Jahre lang, einen christlichen Glauben in mir zu erwecken, scheitere aber schließlich endgültig und trete mit 25 aus der katholischen Kirche aus. Erst viel später wird mir klar, wieviel ich den Menschen, denen ich in dieser Zeit begegnet bin, verdanke und wie stark mich das gemeinsame Aussprechendes Glaubensgrundsatzes gemacht hat, dass ich geliebt werde.

Mit 18 gehe ich nach Wien.

(to be continued)

Bild: Wikimedia Commons // Schwedische Alterstreppe von Winter Carl Hansson // 1799