Eine Frau

Den Ahmed aus Aleppo besucht, der seit mehr als zwei Jahren in Oberösterreich lebt und mehr als zwei Jahre auf seine Frau und die drei Kinder gewartet hat. In Izmir waren sie, aber jetzt sind sie da, und er strahlt. Wie ausgewechselt das müde, depressive Gesicht, er schaut so viel jünger aus und ist wohl sehr glücklich, auch wenn er sagt, dass er nach zwei ruhigen Jahren die ersten drei Tage zu fünft dauernd Kopfweh hatte. Er lacht dabei.
Seine Frau, deren Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, begrüßte uns mit Küsschen – meine Mutter, meinen kleinen Sohn und mich. Sie ist jünger als ich, klein, ein bisschen mollig und hat ein langes enges Leiberl an mit Glitzer darauf, kunstvoll und absichtlich zerrissen an den Schultern, sie zeigt weiche, weiße Arme, Po und Hüften sind umschlossen, die ganze Kontur. Lange gefärbte Haare, am Ansatz wächst schon die natürliche Farbe nach. Sie erinnert mich an eine ehemalige Mieterin im Haus meiner Mutter, auch eine kleine, rundliche, junge Frau. Wieder sehe ich ihre Arme, so weiß wie meine, der Ahmed ist schwarzhaarig und hat einen wärmeren Teint, sie hingegen könnte aus Kremsmünster sein, dem Ort, in dem sie jetzt mit ihrer Familie wohnt, sie könnte mit mir in die Schule gegangen sein, auf der Straße würde niemand ahnen, dass sie aus Syrien kommt. Sie könnte rauchen und ausgehen und zynische Kommentare spucken. Ich lächle sie an, denn wir können noch nicht miteinander sprechen.
Dann zeigt Ahmed die Fotos vom Flughafen, er und die Kinder, und sie: Schwarzer Schleier, das Gesicht ist frei, doch der Stoff reicht bis herauf zum Kinn. Alle einander umarmend. Die Frau in schwarz: Es gelingt mir nicht, sie mit der Frau mir gegenüber zur Übereinstimmung zu bringen. Meine Assoziationen sind völlig andere, ich erwarte eine völlig andere Persönlichkeit, ich merke einmal mehr, wie fremd mir der Schleier ist und wie wenig ich ihn verstehe. Ein Vexierbild, zwei völlig verschieden Frauen, die doch ein und dieselbe sind. Ich finde das alles sehr spannend.

[26. Februar 2016] Zwischenzeit

Zwischen Büchern, ohne rechten Plan für die nächste Lektüre.

Der N. heute krank, ich bei ihm daheim, Fieber, Husten, Gelächter und Meckern. Im Schlaf verschwitzte Haare. Der H. wieder auf Reisen, in London dieses Mal. Ich koche nicht, nur dem Kind einmal Suppe und dann Palatschinken. Ich esse schlecht. Fühle mich unrund, wie nicht ganz gesund, wie nicht ausgeschlafen, keine Lust auf die Welt.

Alles schnurrt auf den N. und den H. zusammen, Johannes kommt gerade irgendwie dazu (Hi, Leser!), sonst aber rutschen mir eher die Leute weg. Grad ist alles Aufgabe.

Grad ist alles fremd, mit meinen Büchern, dem Deutschkurs bleibe ich allein, auch gegenüber dem H. Ich sollte mehr reden, was das mit mir macht. Ich bin das aber nicht und werde es nicht mehr.

(Das hatten wir anders vereinbart. Das Sprechen haben wir uns zugesagt. Das war mein Versprechen. So sei es.)

Umarmungen. Lachen. „Ich liebe dich“, sagt sie mir, die hoffnungsloseste Deutschlernerin von allen. Das Zutrauen der Männer. Das Heimweh, der Schmerz, die sich langsam erst zeigen. Ich bin im vollen Kitschmodus, Zitate aus dem kleinen Prinzen fallen mir ein, zu meiner größten Beschämung: Dass man für jenes verantwortlich sei, das man sich vertraut gemacht habe.

Kurzer Zwischenruf

Die Bar Miranda in der Es…Ezter… *googelt* Eszterházygasse ist sehr schön, die Getränke sind gut und die Barmänner freundlich.

Die Katze ist zur Zeit sehr unsauber.

So wie der Rest der Wohnung.

Der Service »Mann« steht diese Woche von Mittwoch bis Samstag nur eingeschränkt zur Verfügung. Bitte nutzen Sie in der Zwischenzeit die Dienste »Machichselbst« sowie »Machichspäter« und »Lassichbleiben«.

Im Jahr 2012 habe ich mir einen 10er-Block im fürs Fitness-Studio gekauft. Heute werde ich den sechsten Stempel reinmachen lassen: mit einer Runde Sauna.

Ab geht’s!

Zmück 1::1::2 Vater

Blind wühlst du durch die Welt,
schaufelst braune und rote Brocken vorbei
und wirfst dich darüber, weiter und weiter.
In den Splittern, den Scherben
siehst du deine Bilder,
rührst Farben in jede Tinktur.
Darüber: der Dschungel, von dem ahnst du nichts.
Ich höre nur leise dein Ticken im Grund
und weiß, dass du wanderst.

Bild: Flickr // zenera // CC BY-SA 2.0

[edit] Ein jedes Geheimnis

Dieses Jahr geht mit einigen Zweifeln und Fragen zuende. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass im Jänner mein 40. Geburtstag stattfindet und ich deshalb dieser Tage nicht nur die letzten 52 Wochen, sondern auch die vergangenen zehn Jahre Revue passieren lasse.

Zwischen 30 und 40 hat sich einiges getan: Ich habe x-mal den Job gewechselt, mich öfter verliebt, einmal auch glücklich, habe das Land verlassen, bin mit einem Mann zusammengezogen, mit ihm nach Hause zurückgekommen, habe ein Kind bekommen und geheiratet. Wenn, wie in meinem Fall, das Hausbauen ebenso wenig in Frage kommt wie das Baum-Pflanzen und die berufliche Selbstständigkeit, dann sind die klassischen großen Lebensprojekte damit erledigt. Was also tun zwischen 40 und 50?

Es wird sich ein Beruf finden lassen müssen, der mir die Zeit vertreibt. Derzeit bin ich wieder in Lohn und Brot, aber nur befristet und dabei auch ohne rechte eigene Aufgabe. Das zu ertragen ist schwieriger, als ich gedacht hätte.

Dieses Jahr hat mir die Sprache genommen und die Literatur noch dazu. Kein Buch war dabei, das mich bewegt hätte, und ich fürchte, das liegt nicht an den Büchern, sondern an mir: Es ist ja alles gar nicht wahr, gar nicht wichtig, gar nicht lebendig. Ich spüre die Bücher nicht mehr, und vor dieser Tatsache stehe ich, gelinde gesagt, fassungslos: So muss es sein, wenn man die Liebe verliert. Das Gerede vom Durchhalten, Weitermachen, von den Kompromissen, die man schließen müsse – es geht am Wesentlichen völlig vorbei, dass nämlich sogar für die Kompromisse jegliche Grundlage fehlt. Verlassen zu werden ist schrecklich, aber nicht mehr lieben zu können ist es auch. Zum Glück ist es der Literatur egal, was ich fühle. Aber was ich mit dieser Veränderung anfangen soll, weiß ich nicht. Ihre Ursache kenne ich ebenfalls nicht. Ich meine, es hat mit meinem Kind zu tun, damit, dass diese übergroße Liebe in Verbindung mit diesem monotonen Alltag kein Echo in den Büchern findet. Ich muss weitersuchen. Es kann nicht sein, dass Schriftstellerinnen nicht darüber geschrieben haben. Sibylle Berg? Margaret Atwood? Vielleicht kann ich dann auch wieder selber Gedanken formulieren und stehen lassen und sie nicht, wie in diesem Jahr, allesamt abbrechen und wegwerfen.

[edit] Falsch, ein Buch war dabei: »Arbeit und Struktur« von Wolfgang Herrndorf. An meinem Geburtstag ausgelesen, und die Tränen liefen mir über das Gesicht. (Aber etwas anderes wäre ja auch völlig unmöglich und sogar undenkbar gewesen.)

In diesem Jahr habe ich mich noch weiter von allen journalistischen Medien entfernt. Ich lese nur mehr Twitter, Facebook und Guardian. Dadurch kommen natürlich viele Links zu anderen Medienseiten und zu Beiträgen herein, die mich interessieren. Was mich auf diesen Kanälen nicht erreicht, bleibt außen vor. Im Fernsehen: hin und wieder deutsche Nachrichten, keinesfalls österreichische. »Die Anstalt« und »heute show«. Im Radio: Deutschlandfunk, manchmal Ö1. Printprodukte lese ich nicht mehr. Ich beteilige mich in keiner Form an Diskussionen, schreibe keine Kommentare. Petitionen, die ich gut finde, unterschreibe ich. Ich werde nächsten Jänner wieder zur #nowkr-Demo gehen. Als ich neulich bei der Karlskirche eine kleine Prozession von katholischen Pfarrern, Ministranten und Burschenschaftern gesehen habe, habe ich laut »Pfui!« gerufen. Davon spricht mein Sohn heute noch. – Ich bin nicht sicher, ob es nicht reichen würde, dass der Journalismus einfach seine Arbeit macht. Muss ich das alles lesen und zu allem eine Meinung haben? Muss ich mich zu allem verhalten? Wäre es meine Pflicht, das alles auch zu rezipieren? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich müsste ich das, aber das macht mich auch nicht zu einem besseren Menschen.

Ich habe Stunden um Stunden im Netz verbracht. Durch Bilder gescrollt, auf Gifs gestarrt, bis mir zum Weinen war. Die Gesichter, das Licht, die Liebe zur Nacht, sie fehlen mir alle. Ein jedes Geheimnis.

Zigaretten.