Dumm sein

Stressig war das heute. Der Hans und ich wollen eine Wohnung kaufen, und nachdem wir am Wochenende das Anbot unterschrieben haben, kam heute der Mustervertrag. Der war nicht gut.

Es war darin die mit der Sanierung beauftragte Firma benannt, gegenüber der wir nach unserer Eintragung ins Grundbuch Gewährleistungsansprüche haben. Es war auch angeführt, dass wir dafür eine Bankgarantie erhalten. Aber die Firma hat gestern Konkurs angemeldet. Und der Vertrag enthielt gar keine Fristen bzw. Termine zur Fertigstellung der Sanierung.

Panik, hektische Telefonate mit Hans, meinem Vater, Hans sprach mit dem Makler und dem Vertreter der Verkäufergesellschaft. Obwohl im Anbot steht, dass wir davon nicht zurücktreten können, haben wir geschrieben, dass wir genau das unter diesen Umständen tun möchten. Es war ein harter, stressiger Tag, besonders für Hans, der das alles übernommen hat und gleichzeitig die letzten Vorbereitungen für seine Reise zur Leipziger Buchmesse heute Abend treffen musste.

Im Moment meine ich, dass schon noch alles gut ausgehen wird. Und zwischendurch dachte ich: So fühlen sich wahrscheinlich diese FPÖ- und AfD-Wähler*innen, die keine harten Rassist*innen sind, wenn es um Politik geht. Da sind andere, die haben die Ausbildung, die Selbstsicherheit und die Verbindungen, dass sie irgendwas drehen und einen so richtig in die Scheiße reiten können. Man kommt um diese Leute aber nicht herum, man muss mit ihnen irgendwie einig werden, auch wenn man sie nicht versteht. Da ist dieses System, von dem man keine Ahnung hat, dem man aber auch nicht auskommt. Man fühlt sich dumm, hilflos und ausgeliefert, und man weiß: Im besten Fall steckt man nicht gleich wieder im nächsten Clusterfuck. Im schlimmsten Fall hat mit kein Geld mehr und auch sonst nichts Schönes, sondern nur Ärger und Stress über Jahre.

Wir haben studiert und genug Geld, um uns keine Sorgen zu machen. Wir können uns die Zeit von klugen Menschen kaufen. Trotzdem fühlen wir uns heute schlecht. – Es ist so viel vom Ernstnehmen der Sorgen die Rede zur Zeit. Aber um die wirklichen Sorgen derer, die jetzt massenweise rechts wählen, geht es dabei nicht.

Lektionen in Demut.

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All is full of love

Heute beim Deutschkurs in Liesing im Foyer drei ältere Leute getroffen, zwei Frauen, einen Mann, Pensionist*innen, neu im Haus, sich orientierend, ganz offensichtlich Freiwillige.

„Sind Sie von hier?“, fragte ich. Sie verstanden nicht gleich. „Aus Liesing, meine ich.“ Ja, sagten sie, und mir entfuhr ein „Gottseidank!“. Gottseidank, dass hier auch Menschen leben, die unsere Flüchtlinge aufnehmen und willkommen heißen.

Sie lachten ironisch, sie müssten ja auch etwas für das Image von Liesing tun, „Es sind nicht alle so hier“. Man muss es gar nicht mehr erklären, was mit „so“ gemeint ist, ich konnte ihnen die Erschütterung und die Beschämung über die Hetze ansehen, für die man Liesing jetzt kennt, sie sprachen noch kurz untereinander, ob sie jemanden bei der FPÖ-Demo erkannt hätten, aber nein, es war zu weit weg.

Mitra, die Sozialarbeiterin, die das Deutschprogramm im neuen Haus organisiert, war quirlig: 30 Leute hätten sich gemeldet, die Deutschkurse anbieten wollten! Dann suchte sie für mich einen Raum, aber es waren Freiwillige und Kinder überall. Ich war so, so froh!

Rasul Ahmadi saß im Foyer und wartete auf die Auszahlung vom Geld, ein paar Meter weiter rannte mir Faride Ahmadi unter der Tür in die Arme, buchstäblich, weil wir uns sofort fest umarmten, ganz überraschend und richtig, richtig schön. Was passiert hier mit mir?

Nilofen bat mich wie immer zu sich und ihrer Familie ins Zimmer, wo wir uns wie immer überhaupt nicht unterhalten konnten, aber aneinander freuten. Dann machte ich Deutsch mit den Ahmadis. Weniger Geblödel als sonst, weil wir jetzt mit einem Lehrbuch arbeiten können, aber immer noch sehr gut. Das fröhliche Erstaunen, als Rasul plötzlich mit seiner Frau einen Dialog in Deutsch zustandebringt <3.

Beim Gehen frage ich sie dann nur kurz, ob sie wirklich lang im Iran waren, wie mir einmal ein englisch sprechender Irani erzählt hat. Ja, waren sie, und Rasul hat sofort Tränen in den Augen. Aber er kann damit umgehen, und ich würde so gern mehr von ihnen wissen.

Politische Gegner

Heute Nacht habe ich von Hannah Arendt geträumt (muss ich immer zur Sicherheit nochmal googeln, den Namen). Sie war schon sehr alt, klein und zart, aber immer noch so klug und scharfsinnig wie früher, und sie lag da, in meinen Arm gekuschelt, und sprach. Worüber, das weiß ich nicht mehr. Aber heute ergibt der Traum Sinn.

Ich war gestern auf der Demonstration für das Flüchtlingsheim in Liesing und bin nach Ende der Veranstaltung mit einer Teilnehmerin der FPÖ-Demonstration, die das Heim ablehnt und gegen die aufzutreten wir uns versammelt hatten, ins Gespräch gekommen. Die Frau war Taxifahrerin, nett und lustig und ebenso interessiert am Austausch wie ich. Sie hat Angst, dass auch in Österreich Terroranschläge des IS stattfinden werden, dass sie bald nicht mehr Deutsch und Dialekt sprechen kann, weil so viele Fremde kommen. Sie ist keine Rassistin, sondern sagte immer wieder, man müsse die Einzeltäter finden, das könne nicht gelingen in Flüchtlings-Massenquartieren. Sie wusste, Multikulturalität gehört zum Leben in der Stadt, in jeder Stadt – für sich hat sie entschieden, lieber zurück aufs Land zu ziehen.

Solche Leute wie sie müssten wir gewinnen können, denke ich seither. Um die wäre zu kämpfen, denen müssten Angebote gemacht werden, die sie verstehen, die sie abholen. Heinz und seine Kumpane sind für die Demokratie verloren, bei ihnen ist alles vergebliche Liebesmüh. Die Taxifahrerin hingegen will selber in eine Unterkunft fahren und sich ein Bild machen. In ihrer Tasche hatte sie ein Österreich-Fähnchen, weil sie sich Sorgen um das Land macht, und es war für sie selbstverständlich, auf die FPÖ-Demo zu gehen.

Ich denke, wenn wir klarer sagen würden, wer unser politischer Gegner ist, könnten wir Leute wie die Taxifahrerin auch wieder sehen, die das nicht ist. Die Konsensdemokratie ist an ihrem Ende angelangt, sie wurde von rechts dorthin geführt. Den Gegner zu benennen hieße auch zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Ich wünschte, es wäre soweit.