[26. Februar 2016] Zwischenzeit

Zwischen Büchern, ohne rechten Plan für die nächste Lektüre.

Der N. heute krank, ich bei ihm daheim, Fieber, Husten, Gelächter und Meckern. Im Schlaf verschwitzte Haare. Der H. wieder auf Reisen, in London dieses Mal. Ich koche nicht, nur dem Kind einmal Suppe und dann Palatschinken. Ich esse schlecht. Fühle mich unrund, wie nicht ganz gesund, wie nicht ausgeschlafen, keine Lust auf die Welt.

Alles schnurrt auf den N. und den H. zusammen, Johannes kommt gerade irgendwie dazu (Hi, Leser!), sonst aber rutschen mir eher die Leute weg. Grad ist alles Aufgabe.

Grad ist alles fremd, mit meinen Büchern, dem Deutschkurs bleibe ich allein, auch gegenüber dem H. Ich sollte mehr reden, was das mit mir macht. Ich bin das aber nicht und werde es nicht mehr.

(Das hatten wir anders vereinbart. Das Sprechen haben wir uns zugesagt. Das war mein Versprechen. So sei es.)

Umarmungen. Lachen. „Ich liebe dich“, sagt sie mir, die hoffnungsloseste Deutschlernerin von allen. Das Zutrauen der Männer. Das Heimweh, der Schmerz, die sich langsam erst zeigen. Ich bin im vollen Kitschmodus, Zitate aus dem kleinen Prinzen fallen mir ein, zu meiner größten Beschämung: Dass man für jenes verantwortlich sei, das man sich vertraut gemacht habe.

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Am Strand

Ein kleiner Bub liegt am Strand, mit dem Gesicht am Boden, Hintern in der Luft, die Hände neben den Knien, die er unter den Körper gezogen hat. Er ist drei Jahre alt, so alt wie mein Sohn, der oft in der gleichen Position schläft. Aber das Kinder am Strand ist tot.

Auf einem anderen Bild sieht man einen uniformierten Mann, der dieses Kind gerade wegträgt. Seine kleinen weichen Beine in den winzigen Schuhen hängen über die Arme des Mannes.

Ein Dreijähriger weiß schon viel. Er ist schon groß, er kann gehen und rennen und sprechen und Nein sagen. Er kann einen Joghurtdeckel abziehen und mit einer Schere umgehen. Er kann Witze machen und versuchen, die Erwachsenen auszutricksen, um seine Ziele zu erreichen.

Er ist gerade erst in der Welt angekommen.

Ein Dreijähriger ist total hilflos, und er vertraut den Menschen, die sich um ihn kümmern und ihn lieben, zu hundert Prozent. Mein Gehirn zwingt mich mir vorzustellen, wie ein Dreijähriger stirbt. Dass er allein ist und Angst hat und zu seiner Mutter will. Und Angst und Angst.

Mein Gehirn zwingt mich mir den Schmerz und die Schuld vorzustellen, sein Kind verloren zu haben, ihm nicht helfen gekonnt zu haben, es nicht getröstet zu haben, als es so große, unvorstellbar große Angst hatte. Und den Hass auf den eigenen Körper, der weiterlebt und atmet.

Über das Glück

Ich bin glücklich. Das ist fast seltsam zu schreiben, weil es so aufdringlich und gleichzeitig so unglaubwürdig klingt. Trotzdem stimmt es. Und immer wieder überlege ich, ob ich zu diesem Glück etwas beigetragen habe, ob das Glücklichsein eine Fähigkeit ist, die mensch lernen kann, und wenn ja, wie ich diese Fähigkeit meinem Sohn weitergeben kann.

Ein sehr großer Teil meines Glücks besteht aus Dingen, für die ich dankbar bin. Jeden Tag frisches Gebäck kaufen zu können empfinde ich zum Beispiel als sehr luxuriös. Ich weiß, es geht hier um Cent- oder kleine Euro-Beträge. Aber man könnte ja auch eine Scheibe Brot essen.

Lebensmittel kaufen und dabei nicht aufs Geld schauen müssen. Die schöne, warme Wohnung. Licht und Wasser funktionieren, gute Fenster halten den Lärm draußen. Mich ohne Angst auf der Straße bewegen zu können. Unser großes Bett, in dem wir zur Ruhe kommen. Jemanden haben, der hilft, wenn ich oder mein Kind krank sind. – Die ganze umfassende Sicherheit dieses bürgerlichen Spießerlebens macht mich sehr dankbar und fasziniert mich zugleich, denn sie ist so aufwändig, milliardenschwer, personalintensiv und politisch umkämpft, dass ihr Funktionieren fast einem Wunder gleicht.

Gelesen: Wie wir begehren

Emcke_Carolin_Andreas_LabesNochmal ein Buch von Carolin Emcke: »Wie wir begehren«, ebenfalls bei Fischer erschienen, beginnt mit Erinnerungen der Autorin an ihre Schulzeit, an Gewalt in der Gruppe, an einen Mitschüler, der von den anderen ausgeschlossen wurde, und an seinen Selbstmord. Diese Erinnerungen lösen ein Nachdenken über das Begehren aus, über das Werden von Lust und Identität. Denn vielleicht – sie weiß es nicht – hat der Mitschüler ein ähnliches Begehren wie sie empfunden, ein totgeschwiegenes, lächerlich gemachtes, bedrohlich dargestelltes Begehren, ein homosexuelles nämlich. Vielleicht war er schwul und konnte es nicht werden.

Die großen Fragen

Daraus würde eine weniger kluge Autorin die hunderste Variante einer medienverträglichen Opfergeschichte machen, die kurz gelesen und dann vergessen wird. Emcke geht nicht in diese Falle, sondern öffnet den Horizont, bringt Beispiele aus ihrer Arbeit als Kriegsberichterstatterin und aus ihrer Kindheit in Westdeutschland, berichtet über Erfahrungen mit Kultur und über Veränderungen in der Politik. Alles kreist um die großen Fragen, um Freiheit und Glück und wie das Leben gelingen kann, und ist doch auf jeder Seite ganz lebensnah, unideologisch und mit offenen Augen beobachtet. Damit lädt sie die Leser*in ein, über ihr eigenes Leben nachzudenken, wie es war, wie ihre Begehren entstand und was sie heute bewegt.

»Mich interessiert nicht, warum ich homosexuell bin, ob mein Begehren als genetisch vorgegeben oder sozial konditioniert gilt. Wofür sollte das bedeutsam sein? Was macht das für einen Unterschied? Mich interessiert, wie das Begehren auftaucht, bei mir, aber auch bei anderen, wie ich dessen gewahr wurde, wie es sich entwickelte, eine Sprache fand, einen Ausdruck in mir und für mich, und wie sich in dieser Sprache ein immer größeres Vokabular, immer komplexere Strukturen ausgebildet haben, ein Vokabular, in dem ich mich genauer, zarter, radikaler artikulieren kann.« (S. 96)

Diese Einladung ist eigentlich das größte Geschenk und, gesellschaftspolitisch, eine längst überfällige Notwendigkeit. Emcke macht das anschaulich, indem sie erklärt, wer sein eigenes Begehren nicht kennen dürfe – ihr Beispiel: katholische Priester – könne auch das Begehren eines anderen und dessen Grenzen nicht erkennen: daher die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Frauen. Freiheit muss für alle gelten, oder sie wird nicht gelingen!

Gar nichts zu meckern?

Es gäbe noch viele Beispiele und viele berührende Episoden aus dem Buch zu erzählen. Wer mit der manchmal etwas akademischen Sprache zurechtkommt (das ist machbar), sollte das Buch lesen. Mir bleibt eigentlich nur zu wünschen, dass die Autorin ihre Abneigung gegen Punkte am Ende von Sätzen ein wenig in der Griff bekommt. Die Aneinanderreihung mit Beistrichen macht den Gedankenfluss manchmal ein wenig zu hypnotisch – der kurze Moment, den ein Punkt mir zum Bedenken des Gelesenen gibt, fehlte mir manchmal.

Bibliografie

Carolin Emcke, Wie wir begehren. Frankfurt am Main: Fischer, 2013

Bild: Fischer // Andreas Labes