Am schönsten ist, wenn meine Mutter von früher erzählt

also das feld neben dem baugrund hat da hoizbau. das sind so nette leute! er war auf der boku. ein studierter landwirt. für das feld zahlt er pacht, ein bissl weniger jetzt, weil das so klein geworden ist nach der umwidmung. die wiese vor dem haus maht der pölleder david, aus kulanz. ich geb ihm immer dafür was.

(wieviel?)

kommt darauf an, was ich daheim habe. einen fünfziger habe ich ihm auch schon einmal gegeben. dann gibt es noch die wiese hinter dem kleinen teich, die hat auch der holzbauer in pacht. weißt eh, wo letztes jahr so eine schöne blumenwiese war. die kriegt er in die förderung hinein. und dann gibt es noch einen streifen auf dem feld vom weger. da gibt es keinen pachtvertrag, das zahlt er einfach so, weil wir noch nicht dazu gekommen sind. wenn wir gach einmal fünftausend euro brauchen, können wir ihm den streifen immer noch verkaufen. die bäuerin will ihn eh immer haben, aber sie kriegt ihn nicht. sie ist eine urschel, aber keine gesunde. krebs.

ich weiß noch, dass der alte bürgermeister damals meinen eltern gedankt hat, dass sie so viel grund verkauft haben. wie wichtig das war für das dorf, dass sich die siedlung entwickeln können hat. damals habe ich das nicht verstanden, wieso sich der bedankt.

(aber durch deine arbeit am bauamt auf der gemeinde hast du einen einblick in raumplanung und dorfentwicklung bekommen.)

ja, stimmt. heute verstehe ich das. der ganze grund links von der straße hinauf zur bundesstraße war ursprünglich bei uns, und der auf der anderen seite hat der pölleder mitz gehört. wir haben halt von dem grund und dem haus gelebt. das weiß ich noch, dass wir manchmal getreidefelder hatten. und ein schwein.

was heute die waschküche ist, das war damals der stall von dem schwein. und darüber, in der etage, waren die hühner. da gab es eine hühnerleiter, da sind die immer hinaufgegangen am abend. das schwein war drinnen. im herbst ist immer das schwein abgestochen worden. das war immer so eine besondere stimmung, das weiß ich noch. auf dem platz, wo jetzt die stufen hinauf zu (den mietern) ist, dort war der platz, wo sie das schwein umgebracht haben. meine oma war immer recht traurig, wenn sie ein schwein umbringen müssen haben, das sie das ganze jahr gefüttert hat. aber dann gab es viel fleisch. und dann weiß ich auch noch, dass im herbst immer der fasslbinder gekommen ist und die mostfassl angeschlagen hat. das wurde dann so irgendwie ausgebrannt. als kind habe ich auch gezuckerten most getrunken, das war ganz normal.

als kind habe ich das nicht so gemerkt, aber wir waren schon sowas wie oberschicht. der großvater war postmeister, den posten hat er bekommen, weil er verwundet aus dem krieg zurückgekommen ist. der vater war gendarm. der ist krank aus dem krieg zurückgekommen. meine oma hat immer gesagt, wir haben geglaubt, wir derfüttern den papa nicht. so einen hunger hat der gehabt. er hat die ruhr gehabt, da bleibt nicht viel drinnen. und ich weiß noch, der papa hat immer die große gabel gehabt beim essen. da gab es so eine schwarze gabel, die war größer als die anderen. die hat er gehabt.

er hat sich auch immer draußen am graunder gewaschen. auch wenn es ganz kalt war. und wenn opern im radio waren, hat er sich darüber lustig gemacht: woooo ist mein zahnbüüürschtl?

(den witz mache ich mit meinem sohn heute auch.)

ja. also, wir haben viel grund verkauft und wir waren vielleicht so etwas wie oberschicht, aber als kind habe ich das nicht gemerkt. mir ist das nicht aufgefallen.

(das kann dir nicht auffallen, als kind ist das für dich normal.)

und als ich dann in die hauptschule gekommen bin, hat sich das eh alles aufgehört.

Vorspiel zur Hölle

Das 19. Jahrhundert kommt mir derzeit in meinem Kulturkonsum regelmäßig unter: in Elizabeth Gaskells »Mary Barton«, im Sherlock-Special »The Abominable Bride«, zuletzt im Wien Museum, wo Fotografien von Andreas Groll aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderst gezeigt werden. The Unthanks haben auch ein sehr berührendes Lied im Repertoire, The Testimony of Patience Kershaw (YouTube), über eine junge Arbeiterin in einer Kohlengrube.

Jedes Mal denke ich dann, dass das 20. Jahrhundert nach all dem nur in Blut und Tod und grenzenloser Gewalt enden konnte. Dass es eine Welt zerreißen muss, in der modernste Technik neben unfassbarem Elend existiert. Dass die Spannung zu groß war, die Ungerechtigkeit zu bodenlos, die Unmenschlichkeit zu kalt und die Hybris zu zynisch.

Dieser Gedanke ist einer der wenigen, der mich zur Zeit trösten kann: Es war alles schon so viel schlimmer, und zwar nicht in grauer Vorzeit, sondern eigentlich grad eben. Es ist schon so viel erkämpft worden, und vieles davon ist nicht mehr rückgängig zu machen (I hope …). Das 19. Jahrhundert kommt mir manchmal vor wie ein fiebriger Alptraum, das Vorspiel zur Hölle, die darauf folgte.

Generation EU

Ich habe 1994 für den EU-Beitritt gestimmt. In meinem Umfeld wurde viel diskutiert, was die richtige Wahl sei. Die EU ist ein Technokraten-Projekt, bei dem es nur ums Geld geht, sagten die einen. Wer das verändern will, muss Mitglied sein, sagten die anderen.

Ich fand diese Diskussion ein wenig naiv. Ich habe 1994 für den EU-Beitritt gestimmt, weil ich wolle, dass Österreich weltoffener wird. Ich war 19 Jahre alt und vor einem dreiviertel Jahr aus meinem Heimatdorf weggezogen, um in Wien zu studieren. Ein Jahr vor der Abstimmung hat auch der damalige Bundeskanzler Vranitzky zum ersten Mal die Schuld der Österreicher am Holocaust benannt. Gerade eben war die Sowjetunion in ein seltsames Gebilde namens „Russische Föderation“ umgewandelt worden und in Jugoslawien zerfleischten sich die Menschen in einem nationalistischen Alptraum. Die Idee vom vereinten Europa war für mich logisch und absolut überzeugend. Klar, es würde schwierig werden, Probleme geben und nicht perfekt sein, aber vom Prinzip her war das, was man machen musste.

Nun gut.

Heute bin ich 40. Die EU hat mein bisheriges Erwachsenenleben geprägt, sie war sein Schauplatz und hat ihm einen Rahmen gegeben. Und irgendetwas in mir glaubte bis vor kurzem immer noch daran, dass Europa eines Tages so etwas werden könnte wie die USA, ein großer gemeinsamer Bundesstaat.

Aber dann wurden tausende Menschen im Mittelmeer in den Tod geschickt. In Österreich schlafen Flüchtlinge im Regen auf der nackten Erde. In Griechenland geben Eltern ihre Kinder im SOS Kinderdorf ab, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Über die „Verhandlungen mit Griechenland“ der letzten Wochen haben wir alle genug gelesen.

Ich denke in letzter Zeit oft: Ich bin nicht „Generation X“, ich bin „Generation EU“. Wir waren dabei, als die EU sich etablierte, als sie sich erweiterte – und als sie sehenden Auges frontal an die Wand gefahren wurde. Vielleicht bin ich auch deshalb so erschüttert, weil die Ereignisse der letzten Wochen und Monate den vermeintlich festen Rahmen meines Lebens endgültig als Papierkulisse entlarvt haben. Denn Herrschaften wird das wurscht sein, aber ab jetzt nehme ich das persönlich. Wer bei den nächsten Wahlen meine Stimme haben will, sollte zu all dem etwas zu sagen haben.

#70jahre

Als ich ein Teenager war, habe ich – wie alle Teenager damals – viel Radio gehört. Damals war Ö3 der Jugendsender, FM4 gab es noch nicht. Am Abend lief dort „ZickZack“. 1989, ich war 14, erinnerte sich Österreich an den Beginn des 2. Weltkrieges 50 Jahre zuvor. In ZickZack erzählten Jugendliche von ihrem Besuch in einer KZ-Gedenkstätte und was sie dort erfahren hatten. Und ich dachte: „Na, die übertreiben. So schlimm wird es schon nicht gewesen sein.“

Vor meinem geistigen Auge sehe ich noch die Gesprächsteilnehmer*innen, wie ich sie mir aufgrund ihrer Stimmen vorstellte. Und ich weiß noch, wie ich diesen Gedanken hatte: So schlimm wird es nicht gewesen sein. Damals war schon viel zum Thema Nationalsozialismus in den Medien, auch daran meine ich mich noch zu erinnern, aber in der Schule hatten wir noch nicht viel davon gehört. Zumindest muss das so gewesen sein. Denn dieser Gedanke, der kam mir, weil ich nichts wusste. Und weil ich mir nichts vorstellen konnte.

Wenig später unternahm unsere Schulklasse eine Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Ein Überlebender führte uns durch die Anlage, seinen Namen weiß ich nicht. Es war ein kleiner, dicklicher Mann mit fröhlichen Augen, der als Kommunist hierher verschleppt worden war.

Wir gingen über die Todesstiege. Wir gingen in die Gaskammern. Die seltsamen Worte, die in meiner Welt niemand verwendete: Rampe, Baracke, Mütze. In einem Film in einem der Ausstellungsräume sprach ein alter Mann. Er war 1945 GI und dabei, als die Amerikaner das Lager befreit haben. Ein unsichtbarer Interviewer richtete die erste Frage an ihn und er brach in Tränen aus.

Die Berichte vom Morden. Und vom Sterben.

Es war ein schöner, sonniger Frühsommertag, als wir dort waren, der Tag, an dem ich erfahren habe. Ich dachte beim Weggehen, dass es solche Tage auch damals gegeben haben müsse, und die Gleichgültigkeit der Natur fand ich zynisch. Ausweglose existenzielle Verzweiflung, und auf den Bäumen zwitschern die Vögel.

Vermutlich im selben Jahr kam Hermann Langbein an unsere Schule und berichtete über sein Leben und Überleben in Auschwitz. Ich weiß nicht mehr, was er erzählt hat und was ich in seinem Buch „Menschen in Auschwitz“ gelesen habe. Aber seine ganze aufrechte Gestalt, seine Haltung und sein klares, intelligentes, ernstes Gesicht sind mir gut in Erinnerung. Er hatte gesprochen, sich dann an den Lehrertisch gesetzt, um kurz Pause zu machen und etwas zu essen, während die Klasse mit der Lehrerin weiterredete. Dann wurde eine Frage an ihn gerichtet. Er hatte seine Wurstsemmel fast fertiggegessen, ein gerade einmal daumengroßer Rest war noch übrig. Den legte er sofort auf den Tisch und erhob sich und sprach wieder lang und klar und anscheinend ohne zu ermüden.

Vor fast 20 Jahren ist Hermann Langbein in Wien gestorben.

#70jahre #niemalsvergessen