Eine Frau

Den Ahmed aus Aleppo besucht, der seit mehr als zwei Jahren in Oberösterreich lebt und mehr als zwei Jahre auf seine Frau und die drei Kinder gewartet hat. In Izmir waren sie, aber jetzt sind sie da, und er strahlt. Wie ausgewechselt das müde, depressive Gesicht, er schaut so viel jünger aus und ist wohl sehr glücklich, auch wenn er sagt, dass er nach zwei ruhigen Jahren die ersten drei Tage zu fünft dauernd Kopfweh hatte. Er lacht dabei.
Seine Frau, deren Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, begrüßte uns mit Küsschen – meine Mutter, meinen kleinen Sohn und mich. Sie ist jünger als ich, klein, ein bisschen mollig und hat ein langes enges Leiberl an mit Glitzer darauf, kunstvoll und absichtlich zerrissen an den Schultern, sie zeigt weiche, weiße Arme, Po und Hüften sind umschlossen, die ganze Kontur. Lange gefärbte Haare, am Ansatz wächst schon die natürliche Farbe nach. Sie erinnert mich an eine ehemalige Mieterin im Haus meiner Mutter, auch eine kleine, rundliche, junge Frau. Wieder sehe ich ihre Arme, so weiß wie meine, der Ahmed ist schwarzhaarig und hat einen wärmeren Teint, sie hingegen könnte aus Kremsmünster sein, dem Ort, in dem sie jetzt mit ihrer Familie wohnt, sie könnte mit mir in die Schule gegangen sein, auf der Straße würde niemand ahnen, dass sie aus Syrien kommt. Sie könnte rauchen und ausgehen und zynische Kommentare spucken. Ich lächle sie an, denn wir können noch nicht miteinander sprechen.
Dann zeigt Ahmed die Fotos vom Flughafen, er und die Kinder, und sie: Schwarzer Schleier, das Gesicht ist frei, doch der Stoff reicht bis herauf zum Kinn. Alle einander umarmend. Die Frau in schwarz: Es gelingt mir nicht, sie mit der Frau mir gegenüber zur Übereinstimmung zu bringen. Meine Assoziationen sind völlig andere, ich erwarte eine völlig andere Persönlichkeit, ich merke einmal mehr, wie fremd mir der Schleier ist und wie wenig ich ihn verstehe. Ein Vexierbild, zwei völlig verschieden Frauen, die doch ein und dieselbe sind. Ich finde das alles sehr spannend.

Advertisements

[3. August 2016] Journaldienst

Wetter: morgens kühl, dann sonnig, aber angenehmer Wind. Am Nachmittag wieder hochsommerlich, aber der Herbst kündigt sich an. Yeah for that.

Chronik: Erster Tag Arbeit nach einer Woche mit Bronchitis daheim. Nach dem Büro N. abgeholt und wie versprochen mit ihm ins KHM, um Pharaonen und Mumien zu besichtigen. 15 Euro Eintritt bezahlt, nach zehn Minuten will N. wieder gehen und macht ein Riesendrama, als ich wenigstens noch ein paar Räume anschauen will. Weinen, schreien, das volle Programm.

Er verzehrt eine Brezel in der Garderobe des KHM, während ich dort fast einschlafe. Wir haben neben dem normalen Alltagskram auch eine beklebte Schuhschachtel (Inhalt: Zettel) und einen aufgeblasenen Luftballon mit, beides hat N. heute im Kindergarten geschenkt bekommen. Ich bin so wahnsinnig enttäuscht, dass wir nicht länger im KHM bleiben konnten! Wir latschen zum 49er, ich erkläre, dass ihm sicher nicht die Kraft zum Tragen des Luftballons ausgeht und er ihn daher auf jeden Fall selber weiter tragen muss. Suchende Blicke, ob ich ihn auch noch mag, ich bemühe mich, bin aber sehr, sehr, sehr müde. Daheim zieht N. sich völlig selbständig eine Windel an und macht rein. Absurd.

Ich kämpfe mich durch die Zubereitung des Abendessens (Maiskolben und Sommersalat), dann kommt überraschend noch vor sechs der H. heim. Abendessen, Herumgezicke vom N. im Vorfeld, das er gar nicht böse meint, sondern wohl mehr so ehrenhalber veranstaltet. Nach dem Essen (und einigen kleinen Gläsern pupsigem Sekt von vorgestern, zugegeben) crashe ich auf dem Sofa ein und schlafe bis halb zehn, während die Jungs spielen und lachen und N. dem H. sagt, dieser sei sein bester Freund. Ja, danke auch.

Medien und Vermischtes: Lese vom Krieg und von der Zerstörung in Aleppo/Syrien. Twitter.

[23. Juni 2016] Journaldienst

Wetter: heiß und hochsommerlich. Reicht mir schon wieder.

Chronik: Vormittags mit dem Umzugsmann in der alten Wohnung in der Pilgramgasse, Lampen abmontieren, einpacken, in die neue Wohnung in der Zinckgasse bringen und wieder aufhängen. Vier Stunden ruhiger Arbeit, während der ich anwesend bin und hin und wieder eine Hand zur Verfügung stelle. Gute Chemie mit dem Mann, überraschenderweise. Konsequentes Siezen auf beiden Seiten und ausgesprochene Höflichkeit. Mag ich sehr.

Nachmittags N. vom Kiga abholen und nach einem Abstecher zum Stammbilla in der Pilgramgasse auf den Spielplatz am Haus des Meeres. Susi im Billa freut sich über den Besuch, wir plaudern kurz, sie schenkt N. dann ein Sackerl Schokoladeherzen, als wir zu ihr an die Kasse kommen.

Abends dann nach einigen Einkäufen (neue Birkenstöcker) N. in die Badewanne gesteckt und viel Spaß mit den neuen Spritzgummitieren gehabt, die M. ihm geschenkt hat. Abendessen, dann kommt H. vom Betriebsausflug heim. Er duscht, ich dusche, Zeit zu dritt im Kinderzimmer, jetzt darf ich auf den Balkon und H. hat Einschlafdienst.

Befindlichkeit: Heiße Beine, schwache Venen. Warum beunruhigt mich das so sehr? Sonst happy as can be und anhaltende Urlaubsstimmung bei den Entdeckungsstreifzügen durch RH5H, unser neues Zuhause.

Medien und Vermischtes: Gestern hat Island bei der Männerfußball-EM Österreich rausgekegelt. Die englischsprachige Zeitschrift The Reykjavik Grapevine hat den ekstatischen Begeisterungsruf des isländischen TV-Moderators übersetzt, und weil kurz in dem Beitrag stand, Island hätte Ungarn besiegt, habe ich einen Kommentar mit tränenreichen Gratulationen geschrieben. Irgendwie scheint der aber im Moment nicht mehr online zu sein.

[26. Februar 2016] Zwischenzeit

Zwischen Büchern, ohne rechten Plan für die nächste Lektüre.

Der N. heute krank, ich bei ihm daheim, Fieber, Husten, Gelächter und Meckern. Im Schlaf verschwitzte Haare. Der H. wieder auf Reisen, in London dieses Mal. Ich koche nicht, nur dem Kind einmal Suppe und dann Palatschinken. Ich esse schlecht. Fühle mich unrund, wie nicht ganz gesund, wie nicht ausgeschlafen, keine Lust auf die Welt.

Alles schnurrt auf den N. und den H. zusammen, Johannes kommt gerade irgendwie dazu (Hi, Leser!), sonst aber rutschen mir eher die Leute weg. Grad ist alles Aufgabe.

Grad ist alles fremd, mit meinen Büchern, dem Deutschkurs bleibe ich allein, auch gegenüber dem H. Ich sollte mehr reden, was das mit mir macht. Ich bin das aber nicht und werde es nicht mehr.

(Das hatten wir anders vereinbart. Das Sprechen haben wir uns zugesagt. Das war mein Versprechen. So sei es.)

Umarmungen. Lachen. „Ich liebe dich“, sagt sie mir, die hoffnungsloseste Deutschlernerin von allen. Das Zutrauen der Männer. Das Heimweh, der Schmerz, die sich langsam erst zeigen. Ich bin im vollen Kitschmodus, Zitate aus dem kleinen Prinzen fallen mir ein, zu meiner größten Beschämung: Dass man für jenes verantwortlich sei, das man sich vertraut gemacht habe.

Am schönsten ist, wenn meine Mutter von früher erzählt

also das feld neben dem baugrund hat da hoizbau. das sind so nette leute! er war auf der boku. ein studierter landwirt. für das feld zahlt er pacht, ein bissl weniger jetzt, weil das so klein geworden ist nach der umwidmung. die wiese vor dem haus maht der pölleder david, aus kulanz. ich geb ihm immer dafür was.

(wieviel?)

kommt darauf an, was ich daheim habe. einen fünfziger habe ich ihm auch schon einmal gegeben. dann gibt es noch die wiese hinter dem kleinen teich, die hat auch der holzbauer in pacht. weißt eh, wo letztes jahr so eine schöne blumenwiese war. die kriegt er in die förderung hinein. und dann gibt es noch einen streifen auf dem feld vom weger. da gibt es keinen pachtvertrag, das zahlt er einfach so, weil wir noch nicht dazu gekommen sind. wenn wir gach einmal fünftausend euro brauchen, können wir ihm den streifen immer noch verkaufen. die bäuerin will ihn eh immer haben, aber sie kriegt ihn nicht. sie ist eine urschel, aber keine gesunde. krebs.

ich weiß noch, dass der alte bürgermeister damals meinen eltern gedankt hat, dass sie so viel grund verkauft haben. wie wichtig das war für das dorf, dass sich die siedlung entwickeln können hat. damals habe ich das nicht verstanden, wieso sich der bedankt.

(aber durch deine arbeit am bauamt auf der gemeinde hast du einen einblick in raumplanung und dorfentwicklung bekommen.)

ja, stimmt. heute verstehe ich das. der ganze grund links von der straße hinauf zur bundesstraße war ursprünglich bei uns, und der auf der anderen seite hat der pölleder mitz gehört. wir haben halt von dem grund und dem haus gelebt. das weiß ich noch, dass wir manchmal getreidefelder hatten. und ein schwein.

was heute die waschküche ist, das war damals der stall von dem schwein. und darüber, in der etage, waren die hühner. da gab es eine hühnerleiter, da sind die immer hinaufgegangen am abend. das schwein war drinnen. im herbst ist immer das schwein abgestochen worden. das war immer so eine besondere stimmung, das weiß ich noch. auf dem platz, wo jetzt die stufen hinauf zu (den mietern) ist, dort war der platz, wo sie das schwein umgebracht haben. meine oma war immer recht traurig, wenn sie ein schwein umbringen müssen haben, das sie das ganze jahr gefüttert hat. aber dann gab es viel fleisch. und dann weiß ich auch noch, dass im herbst immer der fasslbinder gekommen ist und die mostfassl angeschlagen hat. das wurde dann so irgendwie ausgebrannt. als kind habe ich auch gezuckerten most getrunken, das war ganz normal.

als kind habe ich das nicht so gemerkt, aber wir waren schon sowas wie oberschicht. der großvater war postmeister, den posten hat er bekommen, weil er verwundet aus dem krieg zurückgekommen ist. der vater war gendarm. der ist krank aus dem krieg zurückgekommen. meine oma hat immer gesagt, wir haben geglaubt, wir derfüttern den papa nicht. so einen hunger hat der gehabt. er hat die ruhr gehabt, da bleibt nicht viel drinnen. und ich weiß noch, der papa hat immer die große gabel gehabt beim essen. da gab es so eine schwarze gabel, die war größer als die anderen. die hat er gehabt.

er hat sich auch immer draußen am graunder gewaschen. auch wenn es ganz kalt war. und wenn opern im radio waren, hat er sich darüber lustig gemacht: woooo ist mein zahnbüüürschtl?

(den witz mache ich mit meinem sohn heute auch.)

ja. also, wir haben viel grund verkauft und wir waren vielleicht so etwas wie oberschicht, aber als kind habe ich das nicht gemerkt. mir ist das nicht aufgefallen.

(das kann dir nicht auffallen, als kind ist das für dich normal.)

und als ich dann in die hauptschule gekommen bin, hat sich das eh alles aufgehört.

Dumm sein

Stressig war das heute. Der Hans und ich wollen eine Wohnung kaufen, und nachdem wir am Wochenende das Anbot unterschrieben haben, kam heute der Mustervertrag. Der war nicht gut.

Es war darin die mit der Sanierung beauftragte Firma benannt, gegenüber der wir nach unserer Eintragung ins Grundbuch Gewährleistungsansprüche haben. Es war auch angeführt, dass wir dafür eine Bankgarantie erhalten. Aber die Firma hat gestern Konkurs angemeldet. Und der Vertrag enthielt gar keine Fristen bzw. Termine zur Fertigstellung der Sanierung.

Panik, hektische Telefonate mit Hans, meinem Vater, Hans sprach mit dem Makler und dem Vertreter der Verkäufergesellschaft. Obwohl im Anbot steht, dass wir davon nicht zurücktreten können, haben wir geschrieben, dass wir genau das unter diesen Umständen tun möchten. Es war ein harter, stressiger Tag, besonders für Hans, der das alles übernommen hat und gleichzeitig die letzten Vorbereitungen für seine Reise zur Leipziger Buchmesse heute Abend treffen musste.

Im Moment meine ich, dass schon noch alles gut ausgehen wird. Und zwischendurch dachte ich: So fühlen sich wahrscheinlich diese FPÖ- und AfD-Wähler*innen, die keine harten Rassist*innen sind, wenn es um Politik geht. Da sind andere, die haben die Ausbildung, die Selbstsicherheit und die Verbindungen, dass sie irgendwas drehen und einen so richtig in die Scheiße reiten können. Man kommt um diese Leute aber nicht herum, man muss mit ihnen irgendwie einig werden, auch wenn man sie nicht versteht. Da ist dieses System, von dem man keine Ahnung hat, dem man aber auch nicht auskommt. Man fühlt sich dumm, hilflos und ausgeliefert, und man weiß: Im besten Fall steckt man nicht gleich wieder im nächsten Clusterfuck. Im schlimmsten Fall hat mit kein Geld mehr und auch sonst nichts Schönes, sondern nur Ärger und Stress über Jahre.

Wir haben studiert und genug Geld, um uns keine Sorgen zu machen. Wir können uns die Zeit von klugen Menschen kaufen. Trotzdem fühlen wir uns heute schlecht. – Es ist so viel vom Ernstnehmen der Sorgen die Rede zur Zeit. Aber um die wirklichen Sorgen derer, die jetzt massenweise rechts wählen, geht es dabei nicht.

Lektionen in Demut.

All is full of love

Heute beim Deutschkurs in Liesing im Foyer drei ältere Leute getroffen, zwei Frauen, einen Mann, Pensionist*innen, neu im Haus, sich orientierend, ganz offensichtlich Freiwillige.

„Sind Sie von hier?“, fragte ich. Sie verstanden nicht gleich. „Aus Liesing, meine ich.“ Ja, sagten sie, und mir entfuhr ein „Gottseidank!“. Gottseidank, dass hier auch Menschen leben, die unsere Flüchtlinge aufnehmen und willkommen heißen.

Sie lachten ironisch, sie müssten ja auch etwas für das Image von Liesing tun, „Es sind nicht alle so hier“. Man muss es gar nicht mehr erklären, was mit „so“ gemeint ist, ich konnte ihnen die Erschütterung und die Beschämung über die Hetze ansehen, für die man Liesing jetzt kennt, sie sprachen noch kurz untereinander, ob sie jemanden bei der FPÖ-Demo erkannt hätten, aber nein, es war zu weit weg.

Mitra, die Sozialarbeiterin, die das Deutschprogramm im neuen Haus organisiert, war quirlig: 30 Leute hätten sich gemeldet, die Deutschkurse anbieten wollten! Dann suchte sie für mich einen Raum, aber es waren Freiwillige und Kinder überall. Ich war so, so froh!

Rasul Ahmadi saß im Foyer und wartete auf die Auszahlung vom Geld, ein paar Meter weiter rannte mir Faride Ahmadi unter der Tür in die Arme, buchstäblich, weil wir uns sofort fest umarmten, ganz überraschend und richtig, richtig schön. Was passiert hier mit mir?

Nilofen bat mich wie immer zu sich und ihrer Familie ins Zimmer, wo wir uns wie immer überhaupt nicht unterhalten konnten, aber aneinander freuten. Dann machte ich Deutsch mit den Ahmadis. Weniger Geblödel als sonst, weil wir jetzt mit einem Lehrbuch arbeiten können, aber immer noch sehr gut. Das fröhliche Erstaunen, als Rasul plötzlich mit seiner Frau einen Dialog in Deutsch zustandebringt <3.

Beim Gehen frage ich sie dann nur kurz, ob sie wirklich lang im Iran waren, wie mir einmal ein englisch sprechender Irani erzählt hat. Ja, waren sie, und Rasul hat sofort Tränen in den Augen. Aber er kann damit umgehen, und ich würde so gern mehr von ihnen wissen.