Sprechen, schreiben, schweigen II

Andererseits …

Was der im letzten Posting verlinkte Artikel auch versäumte, war die Unterscheidung zwischen political correctness und Identitätspolitik zu treffen. Ein Beispiel: Political correctness ist, das N-Wort nicht zu verwenden – weder als Bezeichnung für Menschen noch für von bestimmten Mermalen dieser Menschen abgeleitete Objekte. Identitätspolitik bedeutet, dass nur über Rassismus sprechen darf, der/die davon als Opfer betroffen ist. Political correctness ist erlernbar, mithin vermittelbar. Identitätspolitik rekurriert auf die Gefühle von Betroffenen, und über Gefühle lässt sich in unserer Gesellschaft nicht diskutieren. Wer weint, hat recht, pointiert gesagt, und wer verletzt ist, ist das eben. Es ist in unserer Welt nicht möglich, Gefühle als Produkte eines falschen Bewusstseins zu kritisieren.

Ich bin versucht, diese Entwicklung auch den 68ern und den alternativen Strömungen nach ihnen anzuhängen, ihrem Bezug auf Gefühle, Authentizität, Auskotzen und Rauslassen. Aber wahrscheinlich ist das zu undifferenziert. Die 68er hatten doch zumindest noch eine politische Haltung, eine analytische, an Strukturen interessierte Sicht auf die Welt. Die Alternativen danach hatten damit nichts am Hut.

Wenn man nicht alle Erscheinungen studentischer Wehleidigkeit als altersspezifisches Heischen um Aufmerksamkeit abtun will, wird man diesen Spuren nachgehen müssen – warum so viele Menschen plötzlich meinten, ihre Gefühle seien wertvoll und wert, nicht verletzt zu werden.

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