Sprechen, schreiben, schreien

Sabina hat auf Facebook diesen Artikel verlinkt. Auf ihre Geschichte mit dem Thema Political Correctness und Diskursstreit an der Universität möchte ich hier nicht eingehen, sondern nur kurz ein paar Gedanken zu dem Text aufschreiben.

Zuerst: Der Artikel vermischt wirklich sehr viele unterschiedliche diskursive Konflikte, ohne auch nur zu versuchen, sie einzeln oder gar die Zusammenhänge zwischen ihnen zu analysieren. No platform policy, safe spaces und Season’s Greatings – irgendwie ist alles eins in diesem Text: ein Symptom des frei flottierenden studentischen Irrsinns. Dabei, um das nur kurz auszubuchstabieren, ist no platform policy ein Kampf um Ressourcen, safe spaces sind wohl Methoden der Sorge um sich und anderen, und die religionsneutrale Weihnachtskarte ist – ich scheu mich fast, so eine Banalität aufzuschreiben – in einem globalisierten Wirtschaftssystem ein Gebot der Höflichkeit.

Ich frage mich auch, ob man vielleicht etwas mehr daraus herauslesen könnte als unterstellte Lebensuntüchtigkeit, wenn, wie behauptet wird, eine ganze akademische Generation sich vor intellektuellen und emotionalen Zumutungen zu schützen versucht. Man könnte sich fragen, ob diese Generation nach 30 Jahren neoliberaler Propaganda vielleicht einfach keine andere Systemkritik zur Verfügung hat als zu sagen: „Ich möchte lieber nicht.“ Man könnte sich fragen, ob diese Generation vielleicht einfach den Stinkefinger zeigt. Die freie intellektuelle Auseinandersetzung, die durch dieses Verhalten tatsächlich sabotiert zu werden scheint, ist vom Wirtschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten so grundlegend der Lächerlichkeit preisgegeben worden, dass man sich wirklich die Frage stellen muss, worum hier von Seiten der Professor*Innen getrauert wird. (Ich weiß es schon: Sie riskieren die Chance auf geistige Freiheit, und mir persönlich ist das Verhalten auch nicht sympathisch. Es wirkt beklemmend auf mich. Aber das genügt doch nicht als Analyse.)

Der Artikel erwähnt es auch: Neu ist das rabiate Verhalten der Studierenden nicht, auch in den 1960ern wurde kräftig gebrüllt. Mir ist jedoch nicht bekannt, dass die Generation der 68er sich als besonders lebensuntüchtig erwiesen hätte. Am Ende wurde doch von jeder Generation noch brav mitmarschiert. Welchen Kulturwandel sie wirklich verursacht, zeigt sich erst viel später. So haben die 68er die patriarchalische Nachfolge der Söhne perfektioniert, die Übernahme der Pflichten der Väter aber verweigert. Wir werden sehen, was die Millennials tun werden. Ich könnte es derzeit nicht sagen.

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