Adnan

Er war, wie oft wird es gewesen sein?, drei-, viermal bei mir im Deutschunterricht. Groß, dünn, ein lustiges Gesicht. In der ersten Stunde hat er, wie die meisten, die Jacke nicht ausgezogen, es war schon kalt und der Raum, in dem wir lernen sollten, gerade erst eine Viertelstunde geheizt.

Aus dem Irak ist er, er kann unsere Schriftzeichen, seinen Namen schreiben, sein Geburtsdatum. Manchmal zieht er eine billige Lesebrille aus der Tasche und setzt sie auf.

Einmal hatten wir eine sehr lustige Stunde, mit ihm und Huda, die auch aus dem Irak ist, und anderen Frauen. Wir haben gelernt und geblödelt. Keine Sekunde war da ein Geschlechterstress. Danach haben sie mich ins Raucherkammerl eingeladen, und Huda und er und ich haben versucht, uns zu unterhalten.

47 ist er, vier Kinder hat er, von denen eines bei ihm ist, wenn ich es richtig verstanden habe, und er war Lastwagenfahrer von Beruf. Als er das erzählt, habe ich den Eindruck, er schämt sich ein wenig dafür. Wenn seine Frau wieder bei ihm ist, wird mir übersetzt, will er mit ihr noch ganz viele Kinder machen – wir lachen, es ist ein Witz.

Letzte Woche war er nicht im Kurs, und heute auch nicht, aber als ich grad gehe und unten ander Rezeption vorbeikomme, steht er da und spricht mit der Frau vom Verein hinter dem Tresen. Neben ihm ein junger Mann, der dolmetscht. „Adnan!“, rufe ich und bleibe stehen. Er schaut mich an, denkt kurz nach und sagt: „Pamihla!“ Und freut sich, weil er sich meinen Namen gemerkt hat.

Die Frau sagt mir, er sei gerade beim Amt gewesen und habe seinen Bescheid erhalten. Adnan zieht einen Zettel aus der Klarsichtfolie, blättert herum, zeigt mir eine Seite, die Frau spricht weiter: „Bulgarien oder Schweden sollen zuständig sein.“ Ah ja, da steht es ja. Adnan zieht Ausweise aus der Tasche, ein Visum oder einen Einreisestempel aus Bulgarien, von 2008, einen schwedischen Ausweis. Mit den Fingern malt er die Stationen auf den Tresen: Irak – Bulgarien – Schweden – zurück nach Bulgarien – zurück in den Irak – von dort nach Österreich. Er lächelt tapfer, wie immer.

Wenn er 2008 in Bulgarien war, ist er seit acht Jahren unterwegs. Seine Kinder wachsen ohne ihn auf. Ich versuche, mir das vorzustellen. Er versucht, mit der Frau am Tresen zu kären, was ihm vom Amt jetzt weiter zu tun aufgetragen wurde. Morgen um acht Uhr früh muss er zur Diakonie, er soll pünktlich sein, es sind viele Menschen dort.

Ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehe, ob er sofort abgeschoben wird oder ob er Einspruch erheben kann und will. Ich will ihn eigentlich um seine Handynummer bitten oder ihm meine geben, aber ich traue mich nicht. Hilflos sage ich „Alles Gute!“, der Dolmetscher übersetzt, Adnan gestikuliert, will es auf ein Post-it aufgeschrieben haben. Dann trolle ich mich.

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