Sprechen, schreiben, schweigen II

Andererseits …

Was der im letzten Posting verlinkte Artikel auch versäumte, war die Unterscheidung zwischen political correctness und Identitätspolitik zu treffen. Ein Beispiel: Political correctness ist, das N-Wort nicht zu verwenden – weder als Bezeichnung für Menschen noch für von bestimmten Mermalen dieser Menschen abgeleitete Objekte. Identitätspolitik bedeutet, dass nur über Rassismus sprechen darf, der/die davon als Opfer betroffen ist. Political correctness ist erlernbar, mithin vermittelbar. Identitätspolitik rekurriert auf die Gefühle von Betroffenen, und über Gefühle lässt sich in unserer Gesellschaft nicht diskutieren. Wer weint, hat recht, pointiert gesagt, und wer verletzt ist, ist das eben. Es ist in unserer Welt nicht möglich, Gefühle als Produkte eines falschen Bewusstseins zu kritisieren.

Ich bin versucht, diese Entwicklung auch den 68ern und den alternativen Strömungen nach ihnen anzuhängen, ihrem Bezug auf Gefühle, Authentizität, Auskotzen und Rauslassen. Aber wahrscheinlich ist das zu undifferenziert. Die 68er hatten doch zumindest noch eine politische Haltung, eine analytische, an Strukturen interessierte Sicht auf die Welt. Die Alternativen danach hatten damit nichts am Hut.

Wenn man nicht alle Erscheinungen studentischer Wehleidigkeit als altersspezifisches Heischen um Aufmerksamkeit abtun will, wird man diesen Spuren nachgehen müssen – warum so viele Menschen plötzlich meinten, ihre Gefühle seien wertvoll und wert, nicht verletzt zu werden.

Sprechen, schreiben, schreien

Sabina hat auf Facebook diesen Artikel verlinkt. Auf ihre Geschichte mit dem Thema Political Correctness und Diskursstreit an der Universität möchte ich hier nicht eingehen, sondern nur kurz ein paar Gedanken zu dem Text aufschreiben.

Zuerst: Der Artikel vermischt wirklich sehr viele unterschiedliche diskursive Konflikte, ohne auch nur zu versuchen, sie einzeln oder gar die Zusammenhänge zwischen ihnen zu analysieren. No platform policy, safe spaces und Season’s Greatings – irgendwie ist alles eins in diesem Text: ein Symptom des frei flottierenden studentischen Irrsinns. Dabei, um das nur kurz auszubuchstabieren, ist no platform policy ein Kampf um Ressourcen, safe spaces sind wohl Methoden der Sorge um sich und anderen, und die religionsneutrale Weihnachtskarte ist – ich scheu mich fast, so eine Banalität aufzuschreiben – in einem globalisierten Wirtschaftssystem ein Gebot der Höflichkeit.

Ich frage mich auch, ob man vielleicht etwas mehr daraus herauslesen könnte als unterstellte Lebensuntüchtigkeit, wenn, wie behauptet wird, eine ganze akademische Generation sich vor intellektuellen und emotionalen Zumutungen zu schützen versucht. Man könnte sich fragen, ob diese Generation nach 30 Jahren neoliberaler Propaganda vielleicht einfach keine andere Systemkritik zur Verfügung hat als zu sagen: „Ich möchte lieber nicht.“ Man könnte sich fragen, ob diese Generation vielleicht einfach den Stinkefinger zeigt. Die freie intellektuelle Auseinandersetzung, die durch dieses Verhalten tatsächlich sabotiert zu werden scheint, ist vom Wirtschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten so grundlegend der Lächerlichkeit preisgegeben worden, dass man sich wirklich die Frage stellen muss, worum hier von Seiten der Professor*Innen getrauert wird. (Ich weiß es schon: Sie riskieren die Chance auf geistige Freiheit, und mir persönlich ist das Verhalten auch nicht sympathisch. Es wirkt beklemmend auf mich. Aber das genügt doch nicht als Analyse.)

Der Artikel erwähnt es auch: Neu ist das rabiate Verhalten der Studierenden nicht, auch in den 1960ern wurde kräftig gebrüllt. Mir ist jedoch nicht bekannt, dass die Generation der 68er sich als besonders lebensuntüchtig erwiesen hätte. Am Ende wurde doch von jeder Generation noch brav mitmarschiert. Welchen Kulturwandel sie wirklich verursacht, zeigt sich erst viel später. So haben die 68er die patriarchalische Nachfolge der Söhne perfektioniert, die Übernahme der Pflichten der Väter aber verweigert. Wir werden sehen, was die Millennials tun werden. Ich könnte es derzeit nicht sagen.

Adnan

Er war, wie oft wird es gewesen sein?, drei-, viermal bei mir im Deutschunterricht. Groß, dünn, ein lustiges Gesicht. In der ersten Stunde hat er, wie die meisten, die Jacke nicht ausgezogen, es war schon kalt und der Raum, in dem wir lernen sollten, gerade erst eine Viertelstunde geheizt.

Aus dem Irak ist er, er kann unsere Schriftzeichen, seinen Namen schreiben, sein Geburtsdatum. Manchmal zieht er eine billige Lesebrille aus der Tasche und setzt sie auf.

Einmal hatten wir eine sehr lustige Stunde, mit ihm und Huda, die auch aus dem Irak ist, und anderen Frauen. Wir haben gelernt und geblödelt. Keine Sekunde war da ein Geschlechterstress. Danach haben sie mich ins Raucherkammerl eingeladen, und Huda und er und ich haben versucht, uns zu unterhalten.

47 ist er, vier Kinder hat er, von denen eines bei ihm ist, wenn ich es richtig verstanden habe, und er war Lastwagenfahrer von Beruf. Als er das erzählt, habe ich den Eindruck, er schämt sich ein wenig dafür. Wenn seine Frau wieder bei ihm ist, wird mir übersetzt, will er mit ihr noch ganz viele Kinder machen – wir lachen, es ist ein Witz.

Letzte Woche war er nicht im Kurs, und heute auch nicht, aber als ich grad gehe und unten ander Rezeption vorbeikomme, steht er da und spricht mit der Frau vom Verein hinter dem Tresen. Neben ihm ein junger Mann, der dolmetscht. „Adnan!“, rufe ich und bleibe stehen. Er schaut mich an, denkt kurz nach und sagt: „Pamihla!“ Und freut sich, weil er sich meinen Namen gemerkt hat.

Die Frau sagt mir, er sei gerade beim Amt gewesen und habe seinen Bescheid erhalten. Adnan zieht einen Zettel aus der Klarsichtfolie, blättert herum, zeigt mir eine Seite, die Frau spricht weiter: „Bulgarien oder Schweden sollen zuständig sein.“ Ah ja, da steht es ja. Adnan zieht Ausweise aus der Tasche, ein Visum oder einen Einreisestempel aus Bulgarien, von 2008, einen schwedischen Ausweis. Mit den Fingern malt er die Stationen auf den Tresen: Irak – Bulgarien – Schweden – zurück nach Bulgarien – zurück in den Irak – von dort nach Österreich. Er lächelt tapfer, wie immer.

Wenn er 2008 in Bulgarien war, ist er seit acht Jahren unterwegs. Seine Kinder wachsen ohne ihn auf. Ich versuche, mir das vorzustellen. Er versucht, mit der Frau am Tresen zu kären, was ihm vom Amt jetzt weiter zu tun aufgetragen wurde. Morgen um acht Uhr früh muss er zur Diakonie, er soll pünktlich sein, es sind viele Menschen dort.

Ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehe, ob er sofort abgeschoben wird oder ob er Einspruch erheben kann und will. Ich will ihn eigentlich um seine Handynummer bitten oder ihm meine geben, aber ich traue mich nicht. Hilflos sage ich „Alles Gute!“, der Dolmetscher übersetzt, Adnan gestikuliert, will es auf ein Post-it aufgeschrieben haben. Dann trolle ich mich.

Labyrinth-Gedächtnis-Blogpost

Damals schlief ich noch mit meiner Schwester in einem Zimmer. Ich weiß das, weil ich mich deutlich erinnere, mich auf das obere Stockbett geworfen zu haben. Und ich weiß mit Sicherheit, dass ich seufzte: »Warum passiert mir nie sowas?«

Bei einem Märchenfilm wie »Labyrinth«, aus dem wir gerade heimgekommen waren, ist das natürlich eine seltsame Frage. Warum werden meine Plüschtiere nicht lebendig? Warum darf ich nicht meine Kräfte mit David Bowies Leggins einem Koboldkönig messen? Warum tanze ich nicht auf einem Maskenball in einer Glaskugel?

In Wirklichkeit bezieht sich die Frage natürlich auf etwas anderes, und die Reaktionen vieler Frauen, die heute nach David Bowies Tod von »Labyrinth« erzählten, ließen daran auch keinen Zweifel. Es war eine wunderschön anzuschauende, spannende und berührende Coming-of-Age-Geschichte, deren sexuelle Untertöne ich damals kaum verstand, die aber stark spürbar waren und viel dazu beitrugen, dass der Film sich in mir über Monate oder vielleicht sogar Jahre festsetzte.

Für mich war »Labyrinth« aber auch eine – vielleicht die erste – von vielen Geschichten, die mir den Glauben an den Märchenprinzen austrieben, noch bevor er überhaupt richtig festgesetzt war. Was für ein Glücksfall! Als Sarah im Schlussshowdown Jareth gegenübersteht und er in letzter Not noch einmal sein Süßholz abraspelt, schaltet sie einfach auf Durchzug, bis ihr die entscheidenden Worte wieder einfallen: »Du hast keine Macht über mich.« Und das war es dann. (YouTube-Link)

Dann ist der Zauber vorbei – fast. Denn ihre neuen Freunde bleiben bei ihr. Und es blieb bei der Zuschauerin auch die Melancholie darüber, dass Sarah ihren erfundenen Märchenprinzen austreiben musste. »I can’t live within you« (YouTube-Link) hatte eine von Jareths Balladen geheißen. Niemand in dem Film hielt es jemals für eine gute Idee, sich mit einem dominanten Alphatier in den schon erwähnten Leggings einzulassen, nicht einmal der König selbst.

Wie gesagt – was für ein großer, großer Glücksfall.

In den folgenden Jahren wurde ich David-Bowie-Fan, und ob er mir gefiel, weil ich seltsam war, oder ob ich seltsam wurde, weil er mir gefiel, lässt sich überhaupt nicht sagen. Woher ich Bowie überhaupt kannte, habe ich  den wenigen Menschen, mit denen ich über ihn sprechen konnte, verschwiegen. Denn das wusste ich schon, dass Kulturprodukte, die sich an Mädchen richten, als lächerlich gelten, egal wie gut sie gemacht sein mögen.

»Low« (YouTube) wird für immer eine Lebensplatte von mir sein, auch wenn ich sie nur in einer Kassettenversion vom Markt in Lignano kenne, ebenso »David Bowie live at the Tower Philadelphia« (YouTube). Bei »Never Let Me Down« bin ich dann ausgestiegen, die letzten Veröffentlichungen sind mir egal geblieben. Die Trauer, die heute nach Bowies Tod in sämtlichen Social-Media-Kanälen ausbrach, teilte ich nicht. Ich war schon viel zu weit weg. Später daheim hörte ich nur kurz »Absolute Beginners«

Es war einfach großartiges Songwriting.

Und es war die Stimme.

Also hoch die Tassen auf einen Künstler, der einen Teil von jedem unserer Herzen verzehrt hat!

 

(Und der, nebenbei, auch ein wirklich eher nur so mittelmäßig guter Schauspieler war. Küsschen!)

 

11 Fragen zur Nacht

Die hochverehrte Frau Novemberregen hat etwas erhalten, das wir früher Stöckchen nannten: einen Kettenbrief mit Aktivitätserfordernis im Blog. Auf ihre ausdrückliche Aufforderung hin nehme ich mir die von ihr erstellten 11 Fragen zur Beantwortung vor.

1. Finden Sie, so im Schnitt, Sie haben es schwerer oder leichter als die meisten Leute, die Sie kennen?
Leichter. Deutlich leichter. Es ist schon so lange so leicht, dass ich mich offen gestanden manchmal frage, wie lang das noch gutgehen kann.

2. Wann haben Sie das letzte Mal laut gelacht?
Heute.

3. Worüber?
Über viele kuriose Sachen, die mein dreijähriger Sohn so macht: Rollenspiele, kokette Gesichter, altkluge Kommentare, euphorische Ausbrüche bei der Benutzung der Buslinie 13a.

4. Was ist für Sie aktuell das schwerwiegendste gesellschaftliche Problem?
Rassismus und Backlash.

5. Was tun Sie ganz persönlich, um es einer positiven Lösung zuzuführen?
Flüchtlinge beim Deutschlernen unterstützen und Feministinnen auf Social Media mit Likes und Herzchen bestärken. Es ist wenig und ich denke jeden Tag, dass ich mehr – ehrlicherweise: überhaupt etwas – tun müsste. Aber ich schaffe es nicht. Ich ertrage es nicht einmal, morgens die Presseschau im Deutschlandfunk zu hören, weil dieser nie versiegende Strom von intellektueller Inkonsistenz, Menschenhass und Abwertung mich fertig macht. Man muss kühl sein können, um dem entgegenzutreten.

6. Wie finden Sie die Schuhe?
Frau Novemberregen! Das Bild dieser Schuhe hat mich überhaupt erst veranlasst, Ihr Stöckchen aufzugreifen. Es triggerte die Erinnerung an diese Tasche. Seit mir die Existenz dieser Tasche sowie die Tatsache, dass Sie Mühen auf sich genommen haben, um sie zu bekommen, bekannt sind, denke ich anders über die Welt.

7. Wie finden Sie Klopstock?
Jo eh.

8. Wie finden Sie rosa Sekt (trocken) mit O-Saft in großen Wassergläsern?
Warum kippt jemand süßen Saft in trockenen Sekt? Das ist alles ganz falsch. Große Wassergläser überzeugen mich aber auf Anhieb. Prost!

9. Wovor hatten Sie mal Angst aber haben keine mehr?
Das ist eine DERmaßen gute Frage. Leider habe ich trotz vielem Nachdenken nur eine sehr langweile Antwort gefunden: Ich hatte Angst, aufgrund meines langjährigen Lebens als Single vollständig zu verschrullen. Die Beziehung und Ehe mit dem H. hat dem vorerst Einhalt geboten. Für die zu erwartende lange Witwenzeit stehen praktikable Lösungen allerdings noch aus.

10. Wie stehen Sie zu Kaktehen? (Entschuldigung…)
Sie irritieren mich. Für eine Pflanze hat der Kaktus zu wenig Blätter, für ein häusliches Dekoelement zu viele Stacheln. Ich erinnere mich aber gern an den 1,5 Meter hohen Kaktus in meiner Kindheitswohnung, der zweimal jährlich von mindestens zwei Personen mit Handschuhen und vielen Geschirrtüchern bewegt werden musste: im Frühjahr auf den Balkon, im Herbst zurück in die Wohnung. Kapriziöses Ding.

11. Was wollten Sie noch sagen, alternativ: was wollten Sie noch wissen?
Wird das was mit der Weiterbildung, die eine Leserin bzw. ein Leser bei Ihnen angefragt hat? Ich wäre auch interessiert, weiß aber nicht, ob Sie langsame, schweigsame Menschen als TN aufnehmen möchten. Das wäre wohl Grundlagenarbeit.

Ich habe auch 11 Fragen, und falls irgendjemand dieses Blog liest, möge er/sie diese beantworten.

  1. Stört es Sie, nicht 10 oder 12, sondern ausgerechnet 11 Fragen zu beantworten?
  2. Was und wann war „Blogmich“?
  3. Wie stehen Sie zum Duzen am Arbeitsplatz?
  4. Wie erleben Sie den Arbeitsalltag mit KollegInnen, die zehn Jahre jünger sind als Sie?
  5. Rauchen Sie?
  6. Neigen Sie generell zu Süchten?
  7. Sind Sie soviel allein wie Sie das möchten?
  8. Warum ist „Der Tatortreiniger“ eine gute Serie?
  9. Wieviel Schlaf brauchen Sie pro Tag?
  10. Wer regiert die Welt?
  11. Stellen Sie sich die Sinnfrage?

The Abominable Bride

Am 1. Jänner wurde, lang erwartet, ein Special zu Sherlock ausgestrahlt: The Abominable Bride, diesmal nicht in unserer, sondern in der Gegenwart der Originalerzählungen angesiedelt, also Ende des 19. Jahrhunderts.

Der Spoiler vorweg, weil er für meine Kritik unerlässlich ist: Die titelgebende abscheuliche, nämlich mordende Braut ist Teil eines Frauennetzwerks, das die bösen Ehemänner der Mitglieder umbringt. Das wirft für mich einige Fragen auf:

Warum findet Mycroft, dies sei ein „Krieg, den wir verlieren müssen“? Ist er nicht mehr Führungskraft der britischen Regierung, sondern Gleichstellungsbeauftragter undercover?

Warum hält Sherlock, während er die Verschwörung der Frauen aufdeckt, eine rührselige Rede über die unbeachteten Wesen „an unserer Seite, denen wir nicht einmal so etwas kleines wie das Wahlrecht zugestehen wollen“? Ist er nicht mehr Soziopath, sondern Frauenversteher?

Warum tun die Autoren der Folge so, als wäre die Emanzipation der bürgerlichen weißen Frau schon immer ein Anliegen der intelligenten = „guten“ Männer gewesen und nicht von radikalen, weit außerhalb der anerkannten gesellschaftlichen Normen stehenden Frauen gegen den erklärten Willen dieser Männer erkämpft? Anders gedreht: Hat es der Feminismus tatsächlich schon so weit gebracht, dass ausgewiesene Machos wie Stephen Moffat den Feministinnen Kränzchen drehen zu müssen meinen? Das wäre ja so schlecht nicht.

Aber: Auch Mycrofts ganzer Auftritt in dieser Folge war völlig out of character. Gerade eben hatte er (am Ende von His Last Vow) seinen Bruder in ein Flugzeug gesetzt, das ihn ins Ausland und dort in den sicheren Tod bringen sollte. Nun, im Special, holt er ihn noch während des Startvorgangs zurück, um den wiedergekehrten Moriarty zu bekämpfen, und weil Sherlock sich fast mit einer Überdosis in den Exitus geschossen hat, wird Mycroft plötzlich zum weinerlichen Fürsorger, der schwört, immer für seinen Bruder da zu sein?

Ist das nicht doch schon Arbeitsverweigerung der Autoren?

Beste Momente, trotz allem: Wenn John Sherlock ordentlich herunterputzt und der offensichtlich große Freude daran hat. Und der Moment am Reichenbachfall, als John sagt: „Actually, would you mind?“ und ich zusammen mit dem ganzen internationalen Sherlock-Fandom ganz kurz dachte: Jetzt küssen sie sich! Man wünscht seinen Figuren halt einfach das Glück. Und, bitte: bessere Scripts.

Vorspiel zur Hölle

Das 19. Jahrhundert kommt mir derzeit in meinem Kulturkonsum regelmäßig unter: in Elizabeth Gaskells »Mary Barton«, im Sherlock-Special »The Abominable Bride«, zuletzt im Wien Museum, wo Fotografien von Andreas Groll aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderst gezeigt werden. The Unthanks haben auch ein sehr berührendes Lied im Repertoire, The Testimony of Patience Kershaw (YouTube), über eine junge Arbeiterin in einer Kohlengrube.

Jedes Mal denke ich dann, dass das 20. Jahrhundert nach all dem nur in Blut und Tod und grenzenloser Gewalt enden konnte. Dass es eine Welt zerreißen muss, in der modernste Technik neben unfassbarem Elend existiert. Dass die Spannung zu groß war, die Ungerechtigkeit zu bodenlos, die Unmenschlichkeit zu kalt und die Hybris zu zynisch.

Dieser Gedanke ist einer der wenigen, der mich zur Zeit trösten kann: Es war alles schon so viel schlimmer, und zwar nicht in grauer Vorzeit, sondern eigentlich grad eben. Es ist schon so viel erkämpft worden, und vieles davon ist nicht mehr rückgängig zu machen (I hope …). Das 19. Jahrhundert kommt mir manchmal vor wie ein fiebriger Alptraum, das Vorspiel zur Hölle, die darauf folgte.