Die Menstruation findet nicht statt

Weil ich heute mal wieder aus diesem Grund flachliege (zum Glück am ohnehin freien Mittwoch), schreibe ich ein paar Gedanken nieder zu der körperlichen Tatsache, die die Mehrheit der Menschen ihr halbes Leben lang Monat für Monat betrifft und die dennoch so vollständig verdrängt wird wie keine andere.

Menstruation. Die Regel, die Mens, die Tage. Die Erdbeerwoche.

Ich persönlich menstruiere jetzt schon fast 30 Jahre lang, 10 bis 15 Jahre dürften noch vor mir liegen. Der biologische Aufand ist gigantisch und steht in keinerlei Verhältnis zum Ergebnis: Rund 300 Menstruationen bisher mit Schmerzen, Kreislauftrara, Blut, körperlichen Einschränkungen, finanziellem Aufwand und, für viele Frauen, auch Scham – nur um ein bis zwei Kinder (oder auch keines) hervorzubringen. Und das sind die Verhältnisse im Westen. In ärmeren Ländern menstruieren die Frauen zwar vielleicht seltener, weil sie schlechter ernährt und häufiger schwanger sind, aber viele Mädchen können während der Menstruation nicht in die Schule gehen, weil ihnen Hygieneartikel fehlen oder weil Tabus es verbieten.

Wie gesagt: ein gigantischer Aufwand, von dem einfach nicht gesprochen wird. Im Gegenteil: In Großbritannien kämpfen Frauen derzeit um die Abschaffung der „Tampon Tax“, einer Steuer, die Tampons – im Unterschied zu Rasierern für Männer – als Luxusartikel einstuft. Ein gottgleich verehrtes Unternehmen wie Apple entwickelt eine App, um Körperfunktionen zu tracken, und „vergisst“ einfach auf einen Menstruationskalender. Was soll das alles?

Wir wollen es halt nicht wissen, dass wir Körper sind und Körper haben. Als westliche weiße Mittelschichtsfrau ist die Teilhabe am öffentlichen und Erwerbsarbeitsleben bekanntlich nur um den Preis zu haben, sich „wie ein Mann“ zu verhalten, das heißt, die Forderungen, die der Körper stellt, zu verdrängen und im Privaten zu erledigen.

Kleiner Einschub: Angeblich war bei Erfindung der Verhütungspille die Frage, ob man damit die Menstruation nicht überhaupt abschaffen sollte oder könnte. Und angeblich entschied man (wer?) sich dann zur Aufnahme der „Pillenpause“ in den Einnahmezyklus, um die Frauen weiter menstruieren zu lassen. Zwei Fragen dazu: Stimmt diese Geschichte? Und wenn ja: Finde ich das rücksichtsvoll, dem weiblichen Körper seine Rhythmen zu lassen, oder unfair, weil man uns von einem lästigen Übel hätte befreien können, es aber nicht tat?

Dass ich diese Frage nicht sofort beantworten will, liegt an dem oben beschriebenen Dilemma der weißen westlichen Mittelschichtsfrau, die zwar voll in der Gesellschaft mitspielen wollen soll, aber zusätzlich noch die Aufgabe hat, einen gewissen Respekt vor dem eigenen weiblichen Körper zu zeigen. Wir sollen ihn pflegen, schönmachen, zum Kinderkriegen nutzen, dabei aber nicht ausleiern. Wir sollen gesund sein wollen – und das „Natürliche“ gilt heute als gesund, nicht als bedrohlich oder bekämpfenswert.

Aber ganz ehrlich: Wenn es eine Möglichkeit gäbe, ohne gesundheitliche Risiken (damit fallen Hormonpräparate aus) und ohne Schlachterarbeit die Menstruation einfach abzustellen, wäre ich sofort dabei. So heißt es halt einfach warten, bis der Wechsel überstanden ist. Meine Mutter hat die Menstruation übrigens nach ihrer Menopause einfach vergessen. Lachend hat sie mir erzählt, wie verwundert sie war, dass man an einen körperlichen Vorgang, der so viele Jahre so bestimmend war, nach seinem Ende einfach überhaupt nicht mehr denkt.

Wir sind halt eben auch gerade nicht unser Körper, denke ich dann. Seine Vorgänge sind uns äußerlich, sie bleiben uns fremd. Ihnen dennoch unterworfen zu sein ist der Grund, warum wir in der Öffentlichkeit darüber schweigen. Es ist die Herrschaft der Fortpflanzung über die Frauen, die wir in langen Kämpfen zurückgewiesen haben und die einzugestehen uns gefährlich erscheint. Denn diese Forderung des weiblichen Körpers ist mehr als jene, die an den Männerkörper gestellt werden: Wo Frauen etwas haben, da haben Männer nichts.

Wie immer bleibt nur, meine ich, Ironie und Schamlosigkeit, um all das zu besprechen. Die Mens plagt mich, sie macht mich müde und weinerlich, sie knockt mich aus, aber ich habe alle Mittel und alle Zeit, damit gut umzugehen: Ich lege mich jetzt ins Bett, danke schön. Was, du bist neidisch?

Und wer meint, mir wegen der Mens irgendwelche Rechte absprechen zu dürfen, dem blute ich gern auf das Sofa.