Sons and Lovers

Vorab: Der Titel dieses Buches startet beim Nachdenken zuallererst immer meine Gehirnmusicbox, die mir dann „In my Life“ von den Beatles in der Version von Tuck & Patti vorspielt, und das nur wegen der Zeile „But of all these friends and lovers // There is no one compares with you“. Die ja, wie man sieht, nicht einmal genau den Buchtitel wiedergibt.

Anyways, D. H. Lawrence also mal wieder, eine Ausgabe aus der Wühlkiste der Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse. Nach der Enttäuschung von „Lady Chatterley’s Lover“ war dieses Buch eine Überraschung. Wie beweglich diese Sprache ist und wie im besten Sinne roh! Zuerst war ich überrascht, dass auf vielen Seiten manche Wörter, ganze Phrasen, oft wiederholt werden. Gab es hier kein Lektorat? Aber dann entwickelte diese Methode einen Sog, ein hypnotisches Leiern, das fast lyrisch war und sehr berührend. Modern und kunstvoll.

Auf der Handlungsebene passiert eigentlich nicht viel. Wir haben eine einfache Familie mit drei Söhnen, einer Tochter (die den Erzähler nicht interessiert, auch seltsam, warum er sie dann überhaupt einführt), der älteste Sohn stirbt im Lauf der Geschichte an einer Lungenentzündung (?), einfach so, um den mittleren dreht sich dann der weitere Handlungsverlauf. Seine symbiotische Beziehung mit der Mutter, seine platonische Liebe mit einer sehr vergeistigten jungen Frau, die er dann beendet, seine leidenschaftliche Affäre mit einer verheirateten Frau, die sich von ihrem Mann getrennt hat, auch diese tut ihm nicht gut – es ist sehr überzeugend und glaubwürdig, wie Gefühle und Begehren und Männer- und Frauenrollen in der Zeit beschrieben werden, und sehr erschütternd. Der Erzähler sieht und beobachtet Männer und Frauen genau, er erkennt vieles und beschreibt viele sehr komplexe, vielschichtige Empfindungen, aber er kommt nie zu dem Punkt, an dem er die Unfreiheit der Frauen benennen und als Ursache für das Unglück des Protagonisten ausmachen würde.

Manche Stellen, besonders wenn es um Sex ging, waren für mich auch kaum mehr zu entschlüsseln, die Andeutungen unverständlich, die Handlungen unklar. Er findet die Frau, die er wie wahnsinnig begehrt, nachts nackt vor dem Kaminfeuer hockend? Und dann umarmen sie sich nur? Kann das wirklich gemeint sein?

Als dann die vergötterte Mutter stirbt und der Protagonist immer verzweifelter wird, lesen wir dann eine schmerzhaft klare Beschreibung einer Depression, ohne dass deren Name genannt wurde. Auch hier war beeindruckt von den Facetten der Empfindungen, die der Erzähler zeigen kann. Und ich war immer wieder froh, in der heutigen Zeit zu leben, Bezeichnungen für Gefühle zur Verfügung zu haben und über ihren Verlauf Bescheid zu wissen. Es mag das Innenleben von uns Heutigen weniger Leidenschaft, weniger Pathos und weniger Bedeutung haben als das der Früheren – wenn das der Preis für das Glück ist, ist er allemal wert, bezahlt zu werden.

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