Ich bin fröhlich. Ich bin traurig.

Heute mit N. zum ersten Mal beim „Deutsch für Mütter“-Kurs, schauen, ob N. mich unterrichten lässt oder lieber will, dass ich bei ihm in der Kinderbetreuung bleibe. Eine entfernte Verwandte, M., junge Rechtsanwältin, ist auch da, ich erkenne die Verwandtschaft nur an dem ungewöhnlichen Familiennamen, der mir schon im Mailverteiler aufgefallen war.

Sympathische Frauengruppe, die die Veranstaltung im Griff hat, auch als ganz andere Menschen zum Lernen kommen als in der Woche zuvor beim ersten Termin. Ein Rudel zehnjähriger Buben ist dabei, junge Frauen, eine ältere, zwei Männer. Kurz bin ich bei einer etwas fortgeschritteneren Gruppe, die M. unterrichtet, wir üben: Ich bin fröhlich. Du bist föhlich. Ich bin traurig. Ich bin aus Syrien. Ich bin aus Afghanistan. Ich bin aus dem Iran.

Ein seltsamer, beschämender Lapsus passiert mir. Der Mann erzählt: Ich bin aus Syrien. Und ich sage: Musst du weinen? Und deute mit meinen Fingern unter den Augen Tränenbahnen an. – Das ganze kurze Gespräch war unter freundlichem Lachen geführt, und mein Hirn dachte noch und meinte vielleicht eigentlich: Wenn er das Wort „traurig“ lernt, dann gehört „weinen“ im Bedeutungsfeld dazu. Aber eigentlich sprach da etwas anderes aus mir, etwas, das sich an die vielen Geschichten von syrischen Fluchten erinnerte und an die Bilder, und die ganze herausgeplatzte Frage war nur unpassend und viel zu übergriffig.

Wie die Schwäche und Angewiesenheit der anderen das Brutale in mir zum Vorschein bringt. Das gefällt mir nicht, aber ich weiß nicht, wie es sich ändern ließe.

Der N. jedenfalls fühlt sich eine Weile wohl, besteht dann darauf, dass ich den Unterricht beende und zu ihm in die Kinderbetreuung komme, haut sich den Kopf an, brüllt, will vorgelesen kriegen, macht einen Mordszirkus. Aber er kommt happy und aufgedreht heim, und das Mädchen, das auch da war, fand er interessant, und den Zehnjährigen hat er zum Abschied Luftballons geschenkt. Wir gehen wieder hin, nächste Woche – ich glaube, er kann sich an die Gruppe gewöhnen und mich später einmal unterrichten lassen.

Im Bus dann noch V. vom Milenaverlag getroffen. Wir hatten uns Jahre nicht getroffen, gewollte Distanz. Nachdem sie mich als Erste gesehen und begrüßt hatte, liefen meine Smalltalk-Angebote bei ihr vor die Wand. Zum Abschied berührt sie mich unklar am Arm. Still, I like her.

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Generation Hauptbahnhof

Heute war ich nach langer Zeit wieder bei der Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof. Auf Facebook las ich, dass die Lebensmittelspenden langsam weniger werden, und füllte deshalb wie erbeten beim Bahnhofs-Spar zwei Nachziehkörbchen mit Wasser, Saft, Obst und Milchbrötchen, um sie dann mit dem Lift hoch auf den Bahnsteig und am anderen Ende des Bahnsteigs über die Treppe wieder hinunter zur Bahnhofshilfe zu schleppen.

Zum Mithelfen hatte ich keine Zeit, aber es waren ohnehin viele Leute vor Ort. Die extreme Leistungsfähigkeit der Bahnhofshilfe beruht halt auch auf enormen Personalreserven und auf der Tatsache, dass Leerläufe kein Problem darstellen.

Die Stimmung heute war anders als bei meinem Arbeitsbesuch vor ein paar Wochen, kam mir vor. Damals war viel Euphorie bei den Helfer*innen zu spüren, viel berechtigter Stolz darauf, etwas aus dem Nichts geschaffen und vielen Menschen das Leben leichter gemacht zu haben. Heute war es ruhiger, müder, ernster, trauriger auch, meine ich. Dazu trägt wahrscheinlich vor allem die politische Lage bei, die den Flüchtenden viel Hoffnung geraubt haben muss. Aber es sind natürlich auch die Mühen der Ebene jetzt deutlich spürbar, der lange Herbst, der noch längere Winter, die vor uns und vor allem vor den Flüchtenden liegen. Was passiert, wenn nächste Woche wieder die Uni beginnt? Wer kümmert sich dann?

Wie es aussieht, werde ich zumindest eine Weile arbeitslos sein. In der Zeit möchte ich mithelfen und vor allem sauber machen. Das ist auch gut für die Seele, wenn es halbwegs ordentlich aussieht.

Familien saßen beim Hauptbahnhof in der Eingangshalle am Boden, junge Männer mit abgelatschten Chucks, erschöpfte Mütter, ihre Kinder eingeschlafen wo sie lagen – Bilder wie aus dem Internet, einer Frau lächelte ich zu, ich hoffe, sie hat es nicht falsch verstanden, auf die Kinder konnte ich nicht schauen, da stieg mir schon das Wasser in die Augen, mein Besuch war ganz sachlich gewesen und plötzlich auf dem Weg raus flog mich die Verzweiflung an, es ist eine Schande und ein Skandal und die eigene Hilflosigkeit ist nicht auszuhalten.

Septemberende

Noch etwas wackeliger Kreislauf, deshalb am Nachmittag mit dem Kind daheim, vorlesen, spielen, dann kochen. N. langweilt sich ein wenig, wie immer bin ich eifersüchtig, wenn dann der H. nach Hause kommt und N. ihn nach einem schweigsamen gemeinsamen Nachmittag ohne Punkt und Komma anquasselt. Dass wir unterschiedlich sind und unterschiedlich mit dem Kind leben, ist manchmal schwer akzeptabel.

Nach der Handvoll Bewerbungen, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe, kam heute eine erste Eingangsbestätigung. Auch noch von dem Jobangebot, das auf meiner Liste ganz, ganz, aber auch schon ganz weit oben steht: Die Arbeitsbeschreibung passt zu mir wie von meinem Lebenslauf abgemalt, Arbeitszeit und Gehalt sind genau, was ich mir wünsche, und das Beste – die liebe Freundin fängt dieser Tage bei eben dieser Institution als neue Mitarbeiterin an. Ob es was wird?

Die Wahlergebnisse in Oberösterreich lassen mich heute schon wieder relativ kalt. Auch wenn das großkotzig klingt: Angst und Panik ist für mich nicht angebracht, weil mir als weiße Akademikerin mit Grundbesitz wirklich nichts passieren kann. Bezahlen werden die, die der FPÖ jetzt ihre Stimme gegeben haben, die kleinen Leute, die sich nichts merken und nichts lernen und wie die Kinder den Eltern von SPÖVP eins auswischen wollen. Und natürlich alle Schwachen, Ausgeschlossenen und Schutzbedürftigen. Ich weiß nicht einmal, wie groß der Schaden an der Zivilgesellschaft sein wird. Mit Blick auf die Bahnhofsbewegung mache ich mir da keine allzu großen Sorgen, im Gegenteil. Aber natürlich ist das auch naiv. Es gibt unverzichtbare zivilgesellschaftliche Strukturen, von denen man in der Öffentlichkeit wenig hört und die schwer zu schädigen einer FPÖ-Regierungspartei natürlich möglich wäre. Das fangen Freiwillige nicht vollständig auf, und auch hier bezahlen wieder die Schwächsten.

Es gibt viel zu tun.

Hiatus

Mit Schnupfen am freien Freitag daheim. Draußen der Regen, der lange erwartet war, weil die Fische ersticken. Im Haus die Dinge und Sachen, die mich möblieren.

Drei Stunden bis Kind. Eine dunkle Erinnerung an die Trauer im Sommer, als der Regen auf das Autodach klopfte und ich nicht schlafen konnte weil ich wusste: Da draußen, nicht weit, sind die andern, die hocken im Zelt, wenn sie können, oder drücken sich unter die Dachvorsprünge und Bäume.

Wie man sich ans Leiden der andern gewöhnt, nur weil es bequatscht wird. Wie lang wird das halten? Wie lang können die Helferinnen durchhalten, wie lang haben sie Zeit noch und Geld und Kraft für die Hilfe? Ich hab lang nichts gespendet und vertraue drauf, dass ihr das schon macht. Ich rede mir ein: Wenn es eng wird, dann braucht es welche, die frischer sind, übernehmen können.

Und das soll dann ich sein? Who are you kidding, dear? Auch dann wird mein Kind da sein, mein Alltag, keine freie Minute im Sinne von: frei verfügbar für das, was Dritte brauchen. Die anderen, das ist das Kind, das versorgt werden muss.

Vielleicht ist das nicht einmal eine Ausrede.

Ich sehe die anderen, die auch Kinder mitbringen. „Wie alt ist sie?“ – „Fünf, und deiner?“ – „Drei. Das hält er hier nicht durch.“ – „Sie wollte dann auch schon bald nicht mehr. Wir gehen jetzt.“ – „Ja.“

Ja.

Am Strand

Ein kleiner Bub liegt am Strand, mit dem Gesicht am Boden, Hintern in der Luft, die Hände neben den Knien, die er unter den Körper gezogen hat. Er ist drei Jahre alt, so alt wie mein Sohn, der oft in der gleichen Position schläft. Aber das Kinder am Strand ist tot.

Auf einem anderen Bild sieht man einen uniformierten Mann, der dieses Kind gerade wegträgt. Seine kleinen weichen Beine in den winzigen Schuhen hängen über die Arme des Mannes.

Ein Dreijähriger weiß schon viel. Er ist schon groß, er kann gehen und rennen und sprechen und Nein sagen. Er kann einen Joghurtdeckel abziehen und mit einer Schere umgehen. Er kann Witze machen und versuchen, die Erwachsenen auszutricksen, um seine Ziele zu erreichen.

Er ist gerade erst in der Welt angekommen.

Ein Dreijähriger ist total hilflos, und er vertraut den Menschen, die sich um ihn kümmern und ihn lieben, zu hundert Prozent. Mein Gehirn zwingt mich mir vorzustellen, wie ein Dreijähriger stirbt. Dass er allein ist und Angst hat und zu seiner Mutter will. Und Angst und Angst.

Mein Gehirn zwingt mich mir den Schmerz und die Schuld vorzustellen, sein Kind verloren zu haben, ihm nicht helfen gekonnt zu haben, es nicht getröstet zu haben, als es so große, unvorstellbar große Angst hatte. Und den Hass auf den eigenen Körper, der weiterlebt und atmet.