Generation EU

Ich habe 1994 für den EU-Beitritt gestimmt. In meinem Umfeld wurde viel diskutiert, was die richtige Wahl sei. Die EU ist ein Technokraten-Projekt, bei dem es nur ums Geld geht, sagten die einen. Wer das verändern will, muss Mitglied sein, sagten die anderen.

Ich fand diese Diskussion ein wenig naiv. Ich habe 1994 für den EU-Beitritt gestimmt, weil ich wolle, dass Österreich weltoffener wird. Ich war 19 Jahre alt und vor einem dreiviertel Jahr aus meinem Heimatdorf weggezogen, um in Wien zu studieren. Ein Jahr vor der Abstimmung hat auch der damalige Bundeskanzler Vranitzky zum ersten Mal die Schuld der Österreicher am Holocaust benannt. Gerade eben war die Sowjetunion in ein seltsames Gebilde namens „Russische Föderation“ umgewandelt worden und in Jugoslawien zerfleischten sich die Menschen in einem nationalistischen Alptraum. Die Idee vom vereinten Europa war für mich logisch und absolut überzeugend. Klar, es würde schwierig werden, Probleme geben und nicht perfekt sein, aber vom Prinzip her war das, was man machen musste.

Nun gut.

Heute bin ich 40. Die EU hat mein bisheriges Erwachsenenleben geprägt, sie war sein Schauplatz und hat ihm einen Rahmen gegeben. Und irgendetwas in mir glaubte bis vor kurzem immer noch daran, dass Europa eines Tages so etwas werden könnte wie die USA, ein großer gemeinsamer Bundesstaat.

Aber dann wurden tausende Menschen im Mittelmeer in den Tod geschickt. In Österreich schlafen Flüchtlinge im Regen auf der nackten Erde. In Griechenland geben Eltern ihre Kinder im SOS Kinderdorf ab, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Über die „Verhandlungen mit Griechenland“ der letzten Wochen haben wir alle genug gelesen.

Ich denke in letzter Zeit oft: Ich bin nicht „Generation X“, ich bin „Generation EU“. Wir waren dabei, als die EU sich etablierte, als sie sich erweiterte – und als sie sehenden Auges frontal an die Wand gefahren wurde. Vielleicht bin ich auch deshalb so erschüttert, weil die Ereignisse der letzten Wochen und Monate den vermeintlich festen Rahmen meines Lebens endgültig als Papierkulisse entlarvt haben. Denn Herrschaften wird das wurscht sein, aber ab jetzt nehme ich das persönlich. Wer bei den nächsten Wahlen meine Stimme haben will, sollte zu all dem etwas zu sagen haben.