#70jahre

Als ich ein Teenager war, habe ich – wie alle Teenager damals – viel Radio gehört. Damals war Ö3 der Jugendsender, FM4 gab es noch nicht. Am Abend lief dort „ZickZack“. 1989, ich war 14, erinnerte sich Österreich an den Beginn des 2. Weltkrieges 50 Jahre zuvor. In ZickZack erzählten Jugendliche von ihrem Besuch in einer KZ-Gedenkstätte und was sie dort erfahren hatten. Und ich dachte: „Na, die übertreiben. So schlimm wird es schon nicht gewesen sein.“

Vor meinem geistigen Auge sehe ich noch die Gesprächsteilnehmer*innen, wie ich sie mir aufgrund ihrer Stimmen vorstellte. Und ich weiß noch, wie ich diesen Gedanken hatte: So schlimm wird es nicht gewesen sein. Damals war schon viel zum Thema Nationalsozialismus in den Medien, auch daran meine ich mich noch zu erinnern, aber in der Schule hatten wir noch nicht viel davon gehört. Zumindest muss das so gewesen sein. Denn dieser Gedanke, der kam mir, weil ich nichts wusste. Und weil ich mir nichts vorstellen konnte.

Wenig später unternahm unsere Schulklasse eine Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Ein Überlebender führte uns durch die Anlage, seinen Namen weiß ich nicht. Es war ein kleiner, dicklicher Mann mit fröhlichen Augen, der als Kommunist hierher verschleppt worden war.

Wir gingen über die Todesstiege. Wir gingen in die Gaskammern. Die seltsamen Worte, die in meiner Welt niemand verwendete: Rampe, Baracke, Mütze. In einem Film in einem der Ausstellungsräume sprach ein alter Mann. Er war 1945 GI und dabei, als die Amerikaner das Lager befreit haben. Ein unsichtbarer Interviewer richtete die erste Frage an ihn und er brach in Tränen aus.

Die Berichte vom Morden. Und vom Sterben.

Es war ein schöner, sonniger Frühsommertag, als wir dort waren, der Tag, an dem ich erfahren habe. Ich dachte beim Weggehen, dass es solche Tage auch damals gegeben haben müsse, und die Gleichgültigkeit der Natur fand ich zynisch. Ausweglose existenzielle Verzweiflung, und auf den Bäumen zwitschern die Vögel.

Vermutlich im selben Jahr kam Hermann Langbein an unsere Schule und berichtete über sein Leben und Überleben in Auschwitz. Ich weiß nicht mehr, was er erzählt hat und was ich in seinem Buch „Menschen in Auschwitz“ gelesen habe. Aber seine ganze aufrechte Gestalt, seine Haltung und sein klares, intelligentes, ernstes Gesicht sind mir gut in Erinnerung. Er hatte gesprochen, sich dann an den Lehrertisch gesetzt, um kurz Pause zu machen und etwas zu essen, während die Klasse mit der Lehrerin weiterredete. Dann wurde eine Frage an ihn gerichtet. Er hatte seine Wurstsemmel fast fertiggegessen, ein gerade einmal daumengroßer Rest war noch übrig. Den legte er sofort auf den Tisch und erhob sich und sprach wieder lang und klar und anscheinend ohne zu ermüden.

Vor fast 20 Jahren ist Hermann Langbein in Wien gestorben.

#70jahre #niemalsvergessen

Advertisements

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s