[edit] Ein jedes Geheimnis

Dieses Jahr geht mit einigen Zweifeln und Fragen zuende. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass im Jänner mein 40. Geburtstag stattfindet und ich deshalb dieser Tage nicht nur die letzten 52 Wochen, sondern auch die vergangenen zehn Jahre Revue passieren lasse.

Zwischen 30 und 40 hat sich einiges getan: Ich habe x-mal den Job gewechselt, mich öfter verliebt, einmal auch glücklich, habe das Land verlassen, bin mit einem Mann zusammengezogen, mit ihm nach Hause zurückgekommen, habe ein Kind bekommen und geheiratet. Wenn, wie in meinem Fall, das Hausbauen ebenso wenig in Frage kommt wie das Baum-Pflanzen und die berufliche Selbstständigkeit, dann sind die klassischen großen Lebensprojekte damit erledigt. Was also tun zwischen 40 und 50?

Es wird sich ein Beruf finden lassen müssen, der mir die Zeit vertreibt. Derzeit bin ich wieder in Lohn und Brot, aber nur befristet und dabei auch ohne rechte eigene Aufgabe. Das zu ertragen ist schwieriger, als ich gedacht hätte.

Dieses Jahr hat mir die Sprache genommen und die Literatur noch dazu. Kein Buch war dabei, das mich bewegt hätte, und ich fürchte, das liegt nicht an den Büchern, sondern an mir: Es ist ja alles gar nicht wahr, gar nicht wichtig, gar nicht lebendig. Ich spüre die Bücher nicht mehr, und vor dieser Tatsache stehe ich, gelinde gesagt, fassungslos: So muss es sein, wenn man die Liebe verliert. Das Gerede vom Durchhalten, Weitermachen, von den Kompromissen, die man schließen müsse – es geht am Wesentlichen völlig vorbei, dass nämlich sogar für die Kompromisse jegliche Grundlage fehlt. Verlassen zu werden ist schrecklich, aber nicht mehr lieben zu können ist es auch. Zum Glück ist es der Literatur egal, was ich fühle. Aber was ich mit dieser Veränderung anfangen soll, weiß ich nicht. Ihre Ursache kenne ich ebenfalls nicht. Ich meine, es hat mit meinem Kind zu tun, damit, dass diese übergroße Liebe in Verbindung mit diesem monotonen Alltag kein Echo in den Büchern findet. Ich muss weitersuchen. Es kann nicht sein, dass Schriftstellerinnen nicht darüber geschrieben haben. Sibylle Berg? Margaret Atwood? Vielleicht kann ich dann auch wieder selber Gedanken formulieren und stehen lassen und sie nicht, wie in diesem Jahr, allesamt abbrechen und wegwerfen.

[edit] Falsch, ein Buch war dabei: »Arbeit und Struktur« von Wolfgang Herrndorf. An meinem Geburtstag ausgelesen, und die Tränen liefen mir über das Gesicht. (Aber etwas anderes wäre ja auch völlig unmöglich und sogar undenkbar gewesen.)

In diesem Jahr habe ich mich noch weiter von allen journalistischen Medien entfernt. Ich lese nur mehr Twitter, Facebook und Guardian. Dadurch kommen natürlich viele Links zu anderen Medienseiten und zu Beiträgen herein, die mich interessieren. Was mich auf diesen Kanälen nicht erreicht, bleibt außen vor. Im Fernsehen: hin und wieder deutsche Nachrichten, keinesfalls österreichische. »Die Anstalt« und »heute show«. Im Radio: Deutschlandfunk, manchmal Ö1. Printprodukte lese ich nicht mehr. Ich beteilige mich in keiner Form an Diskussionen, schreibe keine Kommentare. Petitionen, die ich gut finde, unterschreibe ich. Ich werde nächsten Jänner wieder zur #nowkr-Demo gehen. Als ich neulich bei der Karlskirche eine kleine Prozession von katholischen Pfarrern, Ministranten und Burschenschaftern gesehen habe, habe ich laut »Pfui!« gerufen. Davon spricht mein Sohn heute noch. – Ich bin nicht sicher, ob es nicht reichen würde, dass der Journalismus einfach seine Arbeit macht. Muss ich das alles lesen und zu allem eine Meinung haben? Muss ich mich zu allem verhalten? Wäre es meine Pflicht, das alles auch zu rezipieren? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich müsste ich das, aber das macht mich auch nicht zu einem besseren Menschen.

Ich habe Stunden um Stunden im Netz verbracht. Durch Bilder gescrollt, auf Gifs gestarrt, bis mir zum Weinen war. Die Gesichter, das Licht, die Liebe zur Nacht, sie fehlen mir alle. Ein jedes Geheimnis.

Zigaretten.

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Sonne mit kurzen Schauern

Wechselhaft war dein Weg:
Sonne mit kurzen Schauern.

Über die Lilienfelder brauste der Sturm.
Ich hörte die Löwinnen heiser lachen,
und als der Himmel sich färbte
war doch kein Ende in Sicht.

Du schlugst auf die Trommeln, Tschinellen,
auf schweres Gerät.
Du wähltest die lautesten Gesten.

Im Museum ein Bild: deine Liebe,
groß, weiß und sehr hell.
Sie schämte sich nicht.