Faustrecht am Spielplatz

Es geht ja immer um irgendeinen Bagger. Bei diesem konnte man die Fahrerkabine mit der Schaufel drehen. Zwei Jungs hatten sich in das Ding verkrallt, knurrten sich an, und keiner wollte nachgeben. Einer drehte sich schließlich nach seinem Vater um, der neben der Sandkiste auf der Bank saß, und heulte: »Papaaa!« Und der Vater rührte sich nicht von der Stelle, sondern sagte nur: »Setz dich durch!«

Weiter weiß ich nichts von diesem Mann und diesen Kindern. Mir scheint nur, dass Eltern, die sich in die Streitereien der Kinder einmischen, derzeit eher schlechte Presse haben. »Helikopter-Mutti«, heißt es dann gleich, und es entsteht vor dem geistigen Auge das Bild von Horden hysterischer Mittelschicht-Mütter (reingesprenkelt einige lasche Softie-Väter), die sich gegenseitig anschreien, weil ihre Kinder einen Konflikt in der Sandkiste hatten. Und es will doch niemand eine hysterische Mutter sein.

Aber ich sage euch was: Ich werde mich noch lange einmischen, wenn mein Sohn in der Sandkiste mit anderen Kindern zu tun hat.

Achtung: Ich werde Ihr Kind anfassen!

Das liegt vor allem daran, dass er ein sanftes und scheues Kind ist und kein Tag vergeht, an dem ihm nicht ein anderes Kind ein Spielzeug einfach aus der Hand nimmt. Wenn ich das beobachte, werde ich mich immer dazuhocken, das andere Kind am Weglaufen hindern – ja, ich werde es anfassen und festhalten – und ihm sagen: »N. spielt gerade damit. Du kannst es ihm nicht einfach wegnehmen. Aber du kannst ihn fragen, ob er es dir gibt.« Und vorher werde ich immer zum N. sagen: »Du musst dir nichts wegnehmen lassen. Du darfst damit weiterspielen, wenn du willst. Du hast das Spielzeug zuerst gehabt.«

Ich weiß nicht, was Kinder lernen sollen, wenn man sie in solchen Situationen allein lässt. Oder doch: Sie lernen, was die Eltern aus ihrem Berufsalltag schon wissen, dass nämlich der Stärkere gewinnt und der Schwächere verliert, und dass niemand da ist, der vermittelt oder gar den Schwächeren schützt. Für mich ist diese Nicht-Einmischungs-Doktrin Darwinismus reinsten Wassers.

Liebe muss man lernen dürfen

Höflichkeit, Rücksichtnahme, Warten, Teilen und Tauschen sind komplexe Verhaltensweisen, die einem Kind nicht von Natur aus gegeben sind. (Schon gar nicht den Kindern, mit denen der N. in der Sandkiste zu tun hat, möchte ich hier ergänzen.) Sie beruhen auf der Fähigkeit, die Grenzen des Anderen zu respektieren, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, einen fairen Handel auszudenken und die eigenen Wünsche für eine bestimmte Zeit hintan zu stellen. In meinen Augen ist es Verweigerung der Erziehungsarbeit, Kindern das nicht zu vermitteln. Der N. ist knapp zweieinhalb, und wenn er am Spielplatz etwas sieht, das er haben will, sagt er: »Geh ma fragen. Mama kommt mit.« Allein traut er sich nämlich nicht. Aber er kennt den Ablauf.

Die Zeit kommt früh genug, in der Kinder wie meines sich ohne Unterstützung gegenüber den Stärkeren behaupten müssen. Ich hoffe, dass ein paar von den kleinen Egomanen bis dahin etwas gelernt haben. In der Zwischenzeit berufe ich mich auf das unsägliche Sprichwort von dem Dorf, das es brauche, um ein Kind großzuziehen, sowie auf mein Privileg als Erwachsene und zeige den Rabauken, die sich einfach nehmen, was sie wollen, ihre Grenzen.

Sex gegen Geld

Der Text, der in diesem Tweet zitiert wird, hat mich zum Staunen gebracht. Der formulierte Gedanke ist ja nicht neu, aber er widersprach offenbar so grundlegend meinem Selbstbild, dass er mir nicht aus dem Kopf ging.

Deshalb möchte ich jetzt zwei Textbausteine ins Blog stellen, die ich vor etwa einem Jahr im Zuge der Prostitutionsdebatte in Deutschland geschrieben habe. Damals war ich nicht in der Lage, einen zusammenhängenden Blogpost daraus zu basteln, aber ich fände es schade, sie ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Bei Gelegenheit möge mensch daran weiterdenken. Bitte sehr:

»Frappierend bis erschreckend ist für mich der Bekenntnisreflex vieler Frauen, die zu Beginn ihres Statements [zum Thema Prostitution] meinen sich deklarieren zu müssen. Entweder: »Ich habe auch schon damit geliebäugelt, Sexarbeit zu leisten.« Oder: »Für mich käme dieser Beruf nicht in Frage.« Offenbar ist es eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit, dass Frauen für die Versorgung von Männern mit sexuellen Lusterfahrungen zuständig sind und einer Frau nur die Wahl bleibt, sich dieser Aufgabe als »Heilige« zu entschlagen oder sie als »Hure« zu übernehmen.«

[…]

»Obwohl in der Diskussion sehr viel neoliberale Rhetorik von »Was zwei freie Erwachsene miteinander vereinbaren, geht niemanden etwas an« verwendet wird, ist die zur Diskussion stehende Prostitution doch nur wieder das Alte, Ewiggleiche. Gäbe es tatsächlich die vielbeschworene totale Dienstleistungsfreiheit, wären die Prostitution tatsächlich etwas anderes als Reproduktion eines männlichen Privilegs und gälte die sexuelle Lust der Frau tatsächlich etwas, dann müsste es längst einen brummenden Markt sexueller Dienstleistungen für Frauen geben.

Wenn man auch nur einen Augenblick länger darüber nachdenkt, wird es übrigens immer verwunderlicher, dass dieser Markt nicht exisitiert, gilt doch die Befriedigung eines Mannes gemeinhin als unterkomplexe Aufgabe aus dem Zeitalter des Faustkeils, während man der weiblichen Lust Anforderungen aus der Raketenwissenschaft unterstellt – in einer überreifen Dienstleistungsgesellschaft sind »spezielle« Bedürfnisse doch umkämpfte Wachstumsmärkte einer ansonsten stillstehenden Wirtschaft!«

Bild: Wikimedia Commons // Jakob Matham nach Hendrick Goltzius // Libido // 1600