Shortcut zum Herzen

Langsam dämmert mir, was mich an meinen aktuellen Lieblingsabneigungen in Wahrheit stört. Denn es kann ja nicht sein, dass ein erwachsenes Menschenkind bei jedem in Retro-Filter ersäuften Instagrambild schreien möchte: »Schalt‘ den Scheiß ab, verfluchte Hacke! Dieses verlassene Ringelspiel/Straßenschild/sonstige Möchtegern-Berlin-Motiv schaut aus wie aus einem Wandkalender aus dem Weltbild-Katalog.«

Oder dass man bei jedem Orr! im Internet drunterschreiben möchte: »Bist du Käptn Iglo?« Oder bei jedem Aww!: »Wo ist dein verdammter Unterkiefer?« Oder bei jedem Nomnomnom: »Das ist sehr viel weniger niedlich als du denkst. Also: gar nicht.«

Oder dass man die Nachrichten ausschalten muss, weil Marietta Slomka moderiert.

Oder das Werbefernsehen anmault: »Die erste Firma, die mir überbelichtete Alltagsszenen von schönen Hipster-Eltern und dazu Voice-Over mit Weisheiten im Stil von Paulo Coelho erspart, bei der kaufe ich. Ach was, bei der kaufe ich ALLES. Go for it, Heckler & Koch!«

Gib dir mal ein bisschen Mühe

All diese Sachen haben gemeinsam, dass sie mir Gefühle in vorfabrizierter Form verkaufen wollen. Und das stört mich. Es stört mich, weil es falsche Gefühle sind, künstliche Gefühlsimitate, Schablonen. – Was hast du wirklich gesehen, als du dieses Foto gemacht hast? Was hast du wirklich gefühlt, als du zornig oder bewegt warst? Wie hat das Essen wirklich geschmeckt? Gib dir doch wenigstens ein bisschen Mühe!

Aber nix. Shortcut zum Herzen – Aww! Und das ist das andere: Gut, der Verstand fühlt sich vernachlässigt, aber wirklich anstrengend macht es die Tatsache, mich nicht dagegen wehren zu können, dass meine eigenen, echten Gefühle darauf antworten. So sind die nämlich, Spiegelneuronen und Empathiemonster. Und das will ich nicht. Ich will meine Gefühle für mich behalten, für mein Leben und für die Leute, die darin wichtig sind. Oder für Medienprodukte, die meine Gefühle verdienen.

In Emotionsgewittern

Marietta Slomka versucht offenbar, ein solches Medienprodukt herzustellen – ob bewusst oder unbewusst, ist mir nicht klar, ist aber auch egal. Das Ergebnis ist jedenfalls ein fast im Sekundentakt über ihr Gesicht dahingewitterndes Emotions-Panoptikum, das anzusehen mir unerträglich geworden ist. Da geht es wie mit einem Fingerschnippen vom betroffenen Stirnrunzeln zum pfiffigen Schmunzeln. Da wird der Irrsinn eines Sendungsformats, in dem hunderte Ermordete den gleichen Stellenwert haben wie eine Personalie beim Männerfußball, auf dem Gesicht der Moderatorin ein zweites Mal durchexerziert.

Ich sitze vor diesem Schauspiel und frage mich mit den Worten kluger Vierjähriger: »Mama, was will die Frau?« Mich mit ihrem Schmierentheater belästigen, während ich eigentlich einfach nur Nachrichten sehen wollte? Ich kann das nicht mehr, die soll mich in Ruhe lassen. Ich will mir meine Gefühle nicht abmelken lassen von Leuten, die nur mein Geld wollen oder meinen Applaus. Das ist alles nicht wichtig.

Orr.

Bild: Flickr // Eva // CC BY-NC-ND 2.0

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