WWC: Zitronenkuchen

Meine virtuelle Freundin Ines hat eine Weekend Writing Challenge gestartet und lädt jetzt jedes Wochenende zum Betexten eines von ihr ausgewählten Bildes. Diesmal habe ich mitgemacht, das Bild ist von Shorpy. Und das ist mein Text:

Zitronenkuchen

Es war natürlich wieder Zitronenkuchen. Unter der türkisen Marzipanschale ihrer Geburtstagstorte ganz unerwartet: die synthetische Fertigmischung, nach der Elisabeth so verrückt war und die Fritz, wie er wusste, schon beim ersten Bissen Übelkeit und Brechreiz verursachte. Fritz starrte fassungslos auf das große Tortenstück, das Mutter ihm auf den Pappteller gekippt hatte. Seine Schwester hatte ihn ganz offensichtlich einfach wieder über den Tisch gezogen.

Dabei hatte er sich so gefreut. Elisabeths sechster Geburtstag sollte endlich ein richtiges Kinderfest werden. Ohne die ständigen Sticheleien, ohne die Streiche auf seine Kosten, ohne die heimlichen Schläge, wenn die Eltern nicht hinsahen. Jochen und Walter waren ja auch eingeladen, es gab ein Batman-und-Robin-Tischtuch und sogar original Batman-und-Robin-Figuren aus Pappendeckel. Fritz liebte Batman und Robin! Zwei Helden, die gemeinsam Abenteuer erlebten und immer für einen Witz gut waren.

Fritz wäre gern wie Batman, so stark und mutig. In Wirklichkeit war er aber halt nur Elisabeths kleiner Bruder, ein lästiges Anhängsel, für das sie Verachtung empfand. Er liebte Schokoladenkuchen und ausnahmsweise auch Marmorkuchen. Elisabeth hatte gesagt: „Fritz, dieses Jahr wird die Torte auch dir schmecken. Glaub mir!“ Voller Vorfreude hatte er sich zum Tisch gesetzt und brav abgewartet, bis Vater das Geburtstagsfoto geknipst hatte. Er hatte „Happy Birthday“ mitgesungen und Elisabeth ein Bussi aufgedrückt, wie es die Eltern verlangt hatten. Die Kerzen auf der Torte wurden angezündet und wieder ausgeblasen, und dann kam Mutter mit dem großen Messer.

Sie schnitt die Torte an und teilte die Stücke aus.

To Kill a Mockingbird

Das gab es lange nicht mehr, dass ich bis in die frühen Morgenstunden gelesen habe. Harper Lees »To Kill a Mockingbird« war spannend und interessant und widersprüchlich. Aus der Hand legen konnte ich es irgendwann nicht mehr.

Es sind die 1930er-Jahre in den USA. Ich-Erzählerin Scout, zu Beginn des Buches fünf, sechs Jahre alt, lebt mit ihrem großen Bruder Jem, ihrem verwitweten Vater Atticus und der Haushälterin Calpurnia in der Kleinstadt Maycomb in Alabama – Südstaaten also. Die Familie ist weiß, Calpurnia schwarz. Aber im ersten Teil der Geschichte spielt das kaum eine Rolle. Wir lernen die kleine weiße Gesellschaft kennen, in der die Kinder aufwachsen, die Nachbarinnen und Nachbarn, und erfahren, was Scout so umtreibt. Schon hier eine Überraschung: Das Mädchen schlägt sich so selbstverständlich, wie kleine Kinder es eben tun, sobald sie zornig oder enttäuscht ist.

Dann wird sie eingeschult, und die Klassengemeinschaft ist so vielschichtig wie die Stadt. Da sind die armen, aber stolzen Kinder, die sich von der Lehrerin kein Essensgeld leihen lassen wollen. Da ist aber auch der »Trash«, wie er ohne Skrupel genannt wird: Aggressive, verdreckte, von Ungeziefer geplagte Kinder aus einer Familie, die seit Jahren von der Sozialhilfe lebt. Scout selbst hat vom Vater schon lesen und schreiben gelernt, was der Lehrerin gar nicht passt und Scout den Schulbesuch vergällt.

Im Hintergrund wieder langsam angedeutet, dass die Kinder aufgrund der Sonderrolle des Vaters ein paar Schwierigkeiten mit anderen Kindern erleben werden. Bald stellt sich heraus, dass Atticus mit der Verteidigung eines schwarzen Arbeiters beauftragt wurde: Tom Robinson soll die 19jährige Tochter eines weißen Mannes vergewaltigt haben – und diese stammt aus jener Trash-Familie, die wir schon an Scouts erstem Schultag kennengelernt haben.

Das Buch steuert dann auch relativ gerade auf den dramaturgischen Höhepunkt, die Gerichtsverhandlung, zu. Die Kinder schleichen sich heimlich in den Gerichtssaal, um zuzuhören, und genau wie Jem sind auch wir danach eigentlich überzeugt, dass Atticus gewinnen muss. Anders als die Kinder wissen wir aber, dass das wegen dem Hass der Weißen gegenüber den Schwarzen nicht geschehen kann. Und tatsächlich sprechen die Geschworenen Tom Robinson schuldig – allerdings nicht sofort, sondern nach mehrstündiger Beratung, was Atticus schon als Fortschritt interpretiert.

Und jetzt kippt das Buch.

Denn Tom Robinson wird in ein anderes Gefängnis expediert, wo er auf die Berufungsverhandlung warten soll. Wie geht es jetzt weiter? Bleibt es ein Justizdrama? Dann ist die Ich-Erzählerin weg vom Fenster, denn sie wird die Berufungsverhandlung keinesfalls miterleben. Wird eine Gesellschaftsanalyse daraus, die durch die Augen des Kindes gesehen zeigt, was das Urteil in der Stadt auslöst? Dazu ist das Urteil zu alltäglich und für die weißen Bewohner zu selbstverständlich. Verändert das Urteil etwas im Bewusstsein des Kindes? Dazu ist Scout noch zu klein, lediglich ihr Bruder Jem will jetzt definitiv wie der Vater Anwalt werden und für Gerechtigkeit kämpfen. Schlimmer noch, Scout erkennt sogar in einer Schlüsselszene die Verlogenheit der weißen Frauen, fügt sich aber trotzdem erstmals in die von ihr erwartete Frauenrolle. Coming of age, the wrong way.

Damit bleibt die Krimihandlung als letzte Alternative.

Die Autorin räumt auf

Um das Thema Berufungsverhandlung zu erledigen, lässt Harper Lee Tom Robinson einen Fluchtversuch unternehmen, bei dem er erschossen wird. Das ist realistisch, aber natürlich die einfachste aller Lösungen und wird auch nicht gezeigt, sondern nur von einer anderen Person an Atticus berichtet. Kurz wird noch geschildert, wie Atticus und ein weißer Bewohner Robinsons Witwe die Nachricht überbringen und ihr Arbeit anbieten, so dass sie sich und ihre Kinder ernähren kann. Damit erlischt das Interesse der Autorin an den schwarzen Figuren komplett.

Es bleibt der Trash-Vater übrig, der zwar Recht gekommen hat, von Atticus in der Verhandlung aber gedemütigt worden ist und sich deshalb an ihm rächen will. Atticus hatte klar gemacht, dass die Tochter nicht vergewaltigt worden ist, sondern ganz im Gegenteil versucht hat, Tom Robinson zu verführen. Der Vater hat dann der Tochter die Schläge zugefügt, die er Tom Robinson in die Schuhe schob. Ärztliche oder gar gynäkologische Untersuchung hat es keine gegeben.

Als Scout und Jem also viel später allein auf dem Weg von einer Schulaufführung nach Hause in stockdunkler Nacht attackiert werden und Scout nur aufgrund eines absurden Kostüms unverletzt bleibt, das sie noch absurderweise auch nach der Schulaufführung noch trägt, stellt der Sherrif schnell fest, dass es der Trash-Vater ist, der mit einem Messer auf die Kinder losgegangen ist. Und der nun tot unter einem Baum liegt.

Wer urteilt über die Menschen?

Denn, und an dieser Stelle wird es wirklich absurd, ein Deus ex Machina ist den Kindern zu Hilfe geeilt: ein geheimnisvoller Nachbar, der seit Jahrzehnten das Haus nicht mehr verlassen hat und den aus seinem Versteck zu locken die Kinder sich lange erfolglos bemüht haben. Er hat Scout und Jem das Leben gerettet, aber wie sollte man nun mit ihm verfahren? Schließlich hat er einen Mann getötet.

Wir sind in der letzten Szene eines Buches, das in der Hauptsache ein Idealporträt des perfekten rechtschaffenen Anwalts, des Kämpfers für Gerechtigkeit ist. Und jetzt willigt dieser Gott des Gesetzes ein, die Version des Sherrifs zu unterstützen, wonach der Täter in sein eigenes Messer gestürzt sei. Denn eine Gerichtsverhandlung wäre dem scheuen Mann nicht zumutbar, sie würde ihn zerstören. Und eine der vielen Lehren, die Atticus seinen Kindern mitgegeben hatte, war ja:

Shoot all the blue jays you want, if you can hit ‚em, but remember it’s a sin to kill a mockingbird.

Offensichtlich ist auch Atticus der Ansicht, dass es solche und solche Menschen gibt – jene, die sich Recht und Gesetz zu fügen haben, und jene, die sich darüber hinwegsetzen dürfen. Denen es erlaubt ist zu entscheiden, wer von ihren Mitmenschen den wertlosen blue jays zuzurechnen ist und wer den geliebten mockingbirds. Ebenso wie bei Scouts Auseinandersetzung mit Weiblichkeit scheitert das Buch damit grandios an der Umsetzung seiner Absichten. Die Ideologie war stärker.

Bild: Flickr // Henry T. McLin // CC BY-NC-ND 2.0

Shortcut zum Herzen

Langsam dämmert mir, was mich an meinen aktuellen Lieblingsabneigungen in Wahrheit stört. Denn es kann ja nicht sein, dass ein erwachsenes Menschenkind bei jedem in Retro-Filter ersäuften Instagrambild schreien möchte: »Schalt‘ den Scheiß ab, verfluchte Hacke! Dieses verlassene Ringelspiel/Straßenschild/sonstige Möchtegern-Berlin-Motiv schaut aus wie aus einem Wandkalender aus dem Weltbild-Katalog.«

Oder dass man bei jedem Orr! im Internet drunterschreiben möchte: »Bist du Käptn Iglo?« Oder bei jedem Aww!: »Wo ist dein verdammter Unterkiefer?« Oder bei jedem Nomnomnom: »Das ist sehr viel weniger niedlich als du denkst. Also: gar nicht.«

Oder dass man die Nachrichten ausschalten muss, weil Marietta Slomka moderiert.

Oder das Werbefernsehen anmault: »Die erste Firma, die mir überbelichtete Alltagsszenen von schönen Hipster-Eltern und dazu Voice-Over mit Weisheiten im Stil von Paulo Coelho erspart, bei der kaufe ich. Ach was, bei der kaufe ich ALLES. Go for it, Heckler & Koch!«

Gib dir mal ein bisschen Mühe

All diese Sachen haben gemeinsam, dass sie mir Gefühle in vorfabrizierter Form verkaufen wollen. Und das stört mich. Es stört mich, weil es falsche Gefühle sind, künstliche Gefühlsimitate, Schablonen. – Was hast du wirklich gesehen, als du dieses Foto gemacht hast? Was hast du wirklich gefühlt, als du zornig oder bewegt warst? Wie hat das Essen wirklich geschmeckt? Gib dir doch wenigstens ein bisschen Mühe!

Aber nix. Shortcut zum Herzen – Aww! Und das ist das andere: Gut, der Verstand fühlt sich vernachlässigt, aber wirklich anstrengend macht es die Tatsache, mich nicht dagegen wehren zu können, dass meine eigenen, echten Gefühle darauf antworten. So sind die nämlich, Spiegelneuronen und Empathiemonster. Und das will ich nicht. Ich will meine Gefühle für mich behalten, für mein Leben und für die Leute, die darin wichtig sind. Oder für Medienprodukte, die meine Gefühle verdienen.

In Emotionsgewittern

Marietta Slomka versucht offenbar, ein solches Medienprodukt herzustellen – ob bewusst oder unbewusst, ist mir nicht klar, ist aber auch egal. Das Ergebnis ist jedenfalls ein fast im Sekundentakt über ihr Gesicht dahingewitterndes Emotions-Panoptikum, das anzusehen mir unerträglich geworden ist. Da geht es wie mit einem Fingerschnippen vom betroffenen Stirnrunzeln zum pfiffigen Schmunzeln. Da wird der Irrsinn eines Sendungsformats, in dem hunderte Ermordete den gleichen Stellenwert haben wie eine Personalie beim Männerfußball, auf dem Gesicht der Moderatorin ein zweites Mal durchexerziert.

Ich sitze vor diesem Schauspiel und frage mich mit den Worten kluger Vierjähriger: »Mama, was will die Frau?« Mich mit ihrem Schmierentheater belästigen, während ich eigentlich einfach nur Nachrichten sehen wollte? Ich kann das nicht mehr, die soll mich in Ruhe lassen. Ich will mir meine Gefühle nicht abmelken lassen von Leuten, die nur mein Geld wollen oder meinen Applaus. Das ist alles nicht wichtig.

Orr.

Bild: Flickr // Eva // CC BY-NC-ND 2.0