Über das Kinderkriegen

Mehr als zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich den N. im Geburtshaus »Von Anfang an« zur Welt gebracht habe. Es war eine so leichte Geburt, dass ich fast Skrupel habe, mich in die Diskussionen wie etwa jene rund um #selbstgeboren einzumischen. Schmerzen, Trauma, Überwältigung, Hilflosigkeit, all das habe ich ja nicht erlebt. Darf ich da überhaupt mitreden? Bin ich die glückliche Ausnahme, irgendwie privilegiert, aber ohne Ahnung, was Geburt eigentlich in den meisten Fällen bedeutet? Kann ich anderen Frauen etwas empfehlen, oder war es Zufall, dass es bei mir so gut gelaufen ist? Keine Ahnung. Deshalb möchte ich einfach ein paar Erfahrungen festhalten, die mir rund um Schwangerschaft und Geburt im Gedächtnis geblieben sind – positive wie negative.

Beginnen wir mit dem Rant.

Die Sprache

Eine offenbar sehr beliebte, weil häufig gehörte Metapher für die Geburt stammt aus dem unsäglichen Buch von Frau Stadlmann: »Du musst dir vorstellen, deine Scheidenöffnung hat die Größe einer Zitrone, und im Geburtskanal ist ein Kind so groß wie eine Wassermelone, die musst du durch diese Öffnung rausschieben. Und das wird dir gelingen!«

Das ist ein so absurdes Bild, dass mein Gehirn es nur mit Mühe verarbeiten konnte. Zuerst: Was hier beschrieben wird, kann mit Sicherheit nicht gelingen. Muss es aber auch nicht, denn, zweitens: Das Bild entspricht ja auch nicht den Tatsachen. Ein wassermelonenförmiges Kind würde ich bei der Kasse zurückgehen lassen. Mein Kind war, wenn wir schon bei Lebensmittelvergleichen bleiben wollen, eher brotleibartig, nämlich länglich und vom Maximalumfang her bestenfalls so groß wie eine kleine Honigmelone.

Und die Zitrone? Woher dieses Bild kommt, ist mir ein Rätsel. Genausogut hätte man die Größe einer Zwetschge angeben können, dann bliebe man wenigstens bei einer bekannten Metapher. Aber, und das führt mich zu meinem nächsten Punkt:

Das würde ja die totale Entsexualisierung des mütterlichen Körpers untergraben.

Dieser Aspekt hat mich am allermeisten abgestoßen. Eben hatte ich noch Brüste, Nippel, von mir aus auch Titten – und dann ging’s plötzlich um das Stillen, und alle redeten nur mehr vom Busen, einem Wort mit dem Sexappeal einer Silberfischchen-Falle. Dieses Wort verwenden die alten Leute am Land, die Bierzeltwitzerzähler, die Besoffenen, die am Wochenende an der Tankstelle herumhängen und an denen man sich als Teenager schnell vorbeidrücken muss, um sich ein Eis kaufen zu können, ohne allzuviele schmierige Kommentare zu hören zu bekommen. Und plötzlich sind da Frauen in meinem Alter, die mir bei einer Geburtstagsparty erzählen, ihre Tochter »braucht noch den Busen zum Einschlafen«, bevor sie wieder an ihrem Kaltgetränk nippen.

Unfassbar. Nur überboten von dem Wort Geburtskanal. Think about it.

Die Vorbereitung

Weil frau ja vor der ersten Geburt nicht weiß, was auf sie zukommt, habe ich ein paar hilfreiche und ein paar weniger hilfreiche Sachen zur Vorbereitung unternommen. Ganz umsonst war die regelmäßige vorbereitende Verwendung von Dammöl. Vor dem Reißen hatte ich wirklich Angst, das stellte ich mir ganz besonders schmerzhaft vor – im Unterschied zu den Wehen zum Beispiel, die ich mir gar nicht vorstellen konnte. Das Öl sollte das Gewebe geschmeidig machen und gröbere Risse verhindern.

Gleich nachdem N. geboren war, freute ich mich sehr, dass das offenbar gelungen war. Es hatte nur ein wenig gekratzt, sonst nichts. Die Hebamme schaute verwundert, also ich stolz meinte: Nix gerissen! Sie konnte das nämlich nicht bestätigen, sondern musste später noch einiges nähen.

Für mich kann ich sagen: Der ganze Körper ist unter der Geburt so angespannt, so kräftig am Arbeiten, so aktiv und bewegt, dass das Reißen sich nicht so anfühlt, wie frau es in einer Ruheposition erleben würde. War eine unnötige Angst.

Eindeutig positiv hat sich das Schwangerenyoga ausgewirkt. Die regelmäßige Kursstunde hat meine Gelenke beweglich gemacht, meine Muskeln gedehnt und die Sauerstoffversorgung angekurbelt. Ich bin fünf Stunden ohne Probleme und ohne Folgeschäden in der Geburtswanne gekniet und konnte mein Kind in dieser für mich idealen Position zur Welt bringen.

Das Essen

Überhaupt finde ich es gut, sich auf die Geburt wie auf einen Marathonlauf, eine Bergtour oder eine andere sportliche Anstrengung vorzubereiten. Meine Hebamme hat deshalb auch darauf bestanden, dass ich noch einen Teller Nudeln esse, bevor wir ins Geburtshaus fahren, schließlich würde ich die Kraft brauchen.

Ich finde es fahrlässig, wenn in manchen Büchern geschrieben wird, dass ein Zeichen der kommenden Geburt sei, dass die Frauen nichts mehr essen wollen. Das kann man jetzt irgendwie spirituell-geburtsmystisch überhöhen und als Konzentrationsphase oder Reinigung oder sonstwas hinstellen. Fakt ist, es wird anstrengend, also iss was, Baby.

Das Schreien

Das war mir unheimlich, bis es losging: das Schreien. Nebulos blieb, welche Gründe es hat. Klar, die Geburt würde schmerzhaft werden, aber sind es die infernalischen Schmerzen, die die Frau zum Schreien bringen? Oder ist es die Angst? Oder was? Es hätte geholfen, wenn jemand mal gesagt hätte: Die Wehen ziehen deinen Körper zusammen und pressen daher auch die Luft aus deinen Lungen – deshalb stöhnst und schreist du. Es ist nicht schlimm.

Es war eigentlich sogar eher lustig. Ich bin mit dem Oberkörper gemütlich auf dem Rand der Geburtswanne gelegen, hab geredet und Scherzerl gemacht. Dann sagte ich: »Oh, die nächste Wehe kommt. – AAAAAAAAAAHHHHHHHH!!!! – Also, wo war ich stehengeblieben?« Und so weiter. Auch das also: eine unnötige Angst.

Erstgebärenden-Euphorie

Ich hatte also vermutlich einfach Glück und kann als lebendes Beispiel dafür durch die Welt laufen, dass auch eine Erstgebärende eine schöne Geburt haben kann. Glaubt es ruhig!

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