Gelesen: Arbeit und Struktur

Vor etwas mehr als einem Monat habe ich die Buchausgabe von Wolfgang Herrndorfs Blog »Arbeit und Struktur« fertiggelesen. Der Inhalt ist bekannt: Herrndorf erhält die Diagnose, an einem rasch zum Tode führenden Hirntumor zu leiden. Er entscheidet sich, die ihm bleibende Lebenszeit mit Arbeit und Struktur zu füllen, beendet die beiden Romane »Tschick« und »Sand« und nimmt sich zum Schluss, so wie er es von Anfang an geplant hat, das Leben.

Wer das Buch zur Hand nimmt, weiß also, wie es endet. Kennt vielleicht das Foto von Herrndorfs Todesort. Oder hat vielleicht schon das Blog gelesen und bereits getrauert.

Durch die Buchform und das damit einhergehende komprimierte Lesen bekommt die Geschichte aber noch einmal eine neue Wucht. Und die Entwicklung des Protagonisten, des Erzählers – herrgott, die Entwicklung Herrndorfs halt hat mich noch tiefer beeindruckt als ohnehin schon. So muss man es machen, dachte ich oft: So muss man sterben können. Diese Klarheit, diesen Mut und diese Aufrichtigkeit der Gefühle möchte ich, wenn’s ans Ende geht, auch haben.

Dieses Buch wird bei mir bleiben, bis ich den Löffel abgebe. Ich hoffe, mich auf den letzten Metern daran zu erinnern, dass es mir Trost sein kann.

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Über das Glück

Ich bin glücklich. Das ist fast seltsam zu schreiben, weil es so aufdringlich und gleichzeitig so unglaubwürdig klingt. Trotzdem stimmt es. Und immer wieder überlege ich, ob ich zu diesem Glück etwas beigetragen habe, ob das Glücklichsein eine Fähigkeit ist, die mensch lernen kann, und wenn ja, wie ich diese Fähigkeit meinem Sohn weitergeben kann.

Ein sehr großer Teil meines Glücks besteht aus Dingen, für die ich dankbar bin. Jeden Tag frisches Gebäck kaufen zu können empfinde ich zum Beispiel als sehr luxuriös. Ich weiß, es geht hier um Cent- oder kleine Euro-Beträge. Aber man könnte ja auch eine Scheibe Brot essen.

Lebensmittel kaufen und dabei nicht aufs Geld schauen müssen. Die schöne, warme Wohnung. Licht und Wasser funktionieren, gute Fenster halten den Lärm draußen. Mich ohne Angst auf der Straße bewegen zu können. Unser großes Bett, in dem wir zur Ruhe kommen. Jemanden haben, der hilft, wenn ich oder mein Kind krank sind. – Die ganze umfassende Sicherheit dieses bürgerlichen Spießerlebens macht mich sehr dankbar und fasziniert mich zugleich, denn sie ist so aufwändig, milliardenschwer, personalintensiv und politisch umkämpft, dass ihr Funktionieren fast einem Wunder gleicht.