Gelesen: Wie wir begehren

Emcke_Carolin_Andreas_LabesNochmal ein Buch von Carolin Emcke: »Wie wir begehren«, ebenfalls bei Fischer erschienen, beginnt mit Erinnerungen der Autorin an ihre Schulzeit, an Gewalt in der Gruppe, an einen Mitschüler, der von den anderen ausgeschlossen wurde, und an seinen Selbstmord. Diese Erinnerungen lösen ein Nachdenken über das Begehren aus, über das Werden von Lust und Identität. Denn vielleicht – sie weiß es nicht – hat der Mitschüler ein ähnliches Begehren wie sie empfunden, ein totgeschwiegenes, lächerlich gemachtes, bedrohlich dargestelltes Begehren, ein homosexuelles nämlich. Vielleicht war er schwul und konnte es nicht werden.

Die großen Fragen

Daraus würde eine weniger kluge Autorin die hunderste Variante einer medienverträglichen Opfergeschichte machen, die kurz gelesen und dann vergessen wird. Emcke geht nicht in diese Falle, sondern öffnet den Horizont, bringt Beispiele aus ihrer Arbeit als Kriegsberichterstatterin und aus ihrer Kindheit in Westdeutschland, berichtet über Erfahrungen mit Kultur und über Veränderungen in der Politik. Alles kreist um die großen Fragen, um Freiheit und Glück und wie das Leben gelingen kann, und ist doch auf jeder Seite ganz lebensnah, unideologisch und mit offenen Augen beobachtet. Damit lädt sie die Leser*in ein, über ihr eigenes Leben nachzudenken, wie es war, wie ihre Begehren entstand und was sie heute bewegt.

»Mich interessiert nicht, warum ich homosexuell bin, ob mein Begehren als genetisch vorgegeben oder sozial konditioniert gilt. Wofür sollte das bedeutsam sein? Was macht das für einen Unterschied? Mich interessiert, wie das Begehren auftaucht, bei mir, aber auch bei anderen, wie ich dessen gewahr wurde, wie es sich entwickelte, eine Sprache fand, einen Ausdruck in mir und für mich, und wie sich in dieser Sprache ein immer größeres Vokabular, immer komplexere Strukturen ausgebildet haben, ein Vokabular, in dem ich mich genauer, zarter, radikaler artikulieren kann.« (S. 96)

Diese Einladung ist eigentlich das größte Geschenk und, gesellschaftspolitisch, eine längst überfällige Notwendigkeit. Emcke macht das anschaulich, indem sie erklärt, wer sein eigenes Begehren nicht kennen dürfe – ihr Beispiel: katholische Priester – könne auch das Begehren eines anderen und dessen Grenzen nicht erkennen: daher die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Frauen. Freiheit muss für alle gelten, oder sie wird nicht gelingen!

Gar nichts zu meckern?

Es gäbe noch viele Beispiele und viele berührende Episoden aus dem Buch zu erzählen. Wer mit der manchmal etwas akademischen Sprache zurechtkommt (das ist machbar), sollte das Buch lesen. Mir bleibt eigentlich nur zu wünschen, dass die Autorin ihre Abneigung gegen Punkte am Ende von Sätzen ein wenig in der Griff bekommt. Die Aneinanderreihung mit Beistrichen macht den Gedankenfluss manchmal ein wenig zu hypnotisch – der kurze Moment, den ein Punkt mir zum Bedenken des Gelesenen gibt, fehlte mir manchmal.

Bibliografie

Carolin Emcke, Wie wir begehren. Frankfurt am Main: Fischer, 2013

Bild: Fischer // Andreas Labes

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