Gelesen: Weil es sagbar ist

2013_emckeEin Gedankenaustausch mit meinem Freund J. veranlasste mich, Literatur zum Thema »Mitgefühl« zu suchen. Die flüchtige Recherche führte recht schnell zu Carolin Emckes neuem Buch »Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit«. Darin kritisiert die Kriegsberichterstatterin Emcke die zur stehenden Phrase gewordene Aussage, man könne über das Grauen des Holocaust nicht sprechen, weil es so groß und so furchtbar sei, dass alle Beschreibungen scheitern müssten.

Diese mittlerweile unhinterfragte Phrase sakralisiert das geschehene Verbrechen, macht es so unverständlich wie Gott, und nimmt es damit auch den Opfern, deren Ringen um Zugriff auf das, was ihnen widerfahren ist, kein Interesse mehr findet. Emcke hält dagegen, dass Opfer sehr wohl über ihre Erfahrungen sprechen können und wollen und dass es die Aufgabe von uns, den verschont Gebliebenen, ist, ihnen zuzuhören und ihre Erfahrungen weiterzutragen. Das illustriert sie mit vielen Berichten aus ihren Recherchen und mit Textstellen aus der Literatur.

Das lächerliche Schweigen

Obwohl die Gedanken in diesem Buch ganz einfach und von Aufmerksamkeit und Anteilnahme geprägt sind, waren sie doch eine große Erleichterung für mich. Denn das Gespräch mit dem J. hatte sich gerade um das Schweigen gedreht, mit dem ich oft auf Erzählungen von Leid reagiere. Ich hatte ihm versucht zu erklären:

»eine prägende erfahrung war sicher die zeit in der feministischen szene, als ich zum ersten mal bewusst frauen kennengelernt habe, die gewalterfahrungen gemacht haben. es hat mir das herz zerrissen, und es fühlt sich schon falsch an, das zu schreiben, denn es ist ein schönes gefühl, sein herz zu spüren, auch wenn es traurig ist. konsumiere ich das leid der anderen, um mein mitfühlendes herz genießen zu können? gebe ich dafür genug zurück? oder drücke ich nur mein empfinden aus? deshalb möchte ich immer lieber schweigen: weil ich mich nicht überstülpen will und mein mitgefühl zum thema machen, wenn es doch um die erfahrungen des/der anderen geht.«

Jetzt kann ich sehen, dass nicht das Sprechen und nicht die Anteilnahme Zeichen meiner Eitelkeit sind, sondern gerade mein Schweigen, das noch dazu mein leidendes Gegenüber schön weit weg von mir stellt: »Dein Leid«, so sagt ihm mein Schweigen, »ist mir so fremd und so unverständlich, dass ich darauf nicht antworten kann.«

Thomas Bernhards Satz »Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt« ist deshalb grundfalsch, von vorn bis hinten und vom Ansatz bis zur Schlussfolgerung. Nichts ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Lächerlich ist, nicht Anteil nehmen zu können aus Sorge, aufdringlich zu wirken.

Bibliografie

Carolin Emcke, Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit. Essays. Frankfurt am Main: Fischer, 2013

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