Gelesen: Das hündische Herz

2013_Molly_akitaRecht schnell liest sich die neue Übertragung von Michail Bulgakows »Das hündische Herz« (früher »Hundeherz«) des in Wien lebenden Übersetzers und Autors Alexander Nitzberg: Die kurze Erzählung aus dem Jahr 1925 ist, wie schon der zeitgenössische Schriftstellerkollege Jewegeni Samjatin über ein anderes Werk Bulgakows schrieb, »Fantastik, die im Lebensalltag wurzelt, ein wie im Kino rasch abfolgender Bildwechsel«, der bestens unterhält.

Frankensteins Monster

Schön schauderhaft die zentrale Szene, in der Professor Filipp Filippowitsch und sein Assistent Bormenthal einem Straßenköter die Hoden und Hypophyse eines verstorbenen jungen Trinkers einpflanzen. Der Hund verwandelt sich in der Folge in einen Mann, der die schlechten Eigenschaften des Organspenders und die Instinkte des Hundes aufweist und damit dem ohnehin von der neuen sowjetischen Hausverwaltung ordentlich geplagten Professor den letzten Nerv zieht.

Ob »Das hündische Herz« tatsächlich nur als Satire auf den sowjetischen Menschen gelesen werden soll, stellt Nitzberg in seinem kenntnisreichen Nachwort (dem ich auch das Samjatin-Zitat entommen habe) mit Recht in Frage. Dieses Stück Literatur ist ohne Zweifel deutlich größer, absurder und bitterer, als es eine ausschließlich politische Zeitkritik wäre.

Textkritische Ausgabe, hurra!

Noch ein Wort zur Übersetzung: Es ist dies offenbar die erste deutsche Fassung, die auf dem Originaltyposkript letzter Hand Bulgakows beruht. Deshalb soll die Tatsache ihrer Existenz gelobt und gepriesen werden! Auch Schmackes und Tempo der Sprache sind großartig.

Nur am Vokabular habe ich ein, zwei Kritikpunkte anzumelden: Ein »Meeting« erscheint mir in einem knapp 90 Jahre alten Buch ganz unpassend und unzeitgemäß. Interessanterweise nennt Nitzberg ausgerechnet diese Stelle in seinem Nachwort als Beispiel für die Übertragung von Bulgakows Stilmitteln: Weil Bulgakow in dieser Passage viele Worte mit M benützt, übersetzt Nitzberg, »er könnte auf [sic!] Meetings Moneten verdienen«.

»Wenden Sie sich gern zeitnah an meinen Mitarbeiter!«

Ein anderes Beispiel: In der Krankengeschichte des Hundemenschen schreibt Bormenthal:

»Die angewachsene Hypophyse hat  im Hundehirn das Sprachzentrum aufgetan, und die Wörter strömen nur so heraus.«

Das Wort »auftun« ist meines Erachtens einer von mehreren Germanismen, die mir aufgefallen sind und mich gestört haben. Ich würde mir wünschen, dass das Lektorat da sorgfältiger ist. So bleibt der Eindruck einer forcierten Jargonhaftigkeit. Ich hatte daher manchmal das Gefühl, dass sich die Übersetzung stellenweise etwas zu wichtig nimmt und in den Vordergrund drängt.

Aber, wie gesagt, die Lektüre ist dennoch empfehlenswert. Ein klasses Buch. Und das Kritiker-Zitat auf der U4 härtet einen ohnehin für einige sprachliche Schnitzer ab. Dort schreibt ein Standard-Journalist (Ich mag nicht schreiben welcher, weil sein Stil einer der Gründe für mich war, den »Standard« abzubestellen):

»Dieser Schlüsseltext ist, Nitzberg sei Dank, endlich in seiner ganzen, skandalösen Modernität ungeschmälert genießbar.«

Von mir aus streiten wir über das Komma zwischen »ganzen« und »skandalösen«. Ich bin überzeugt, es ist hier falsch. Eindeutig allerdings ist der Vokabelfehler, »genießbar« zu schreiben, wo »zu genießen« gemeint ist. Boo! Bzw.: Rrrr-wau!

Bibliografie

Michail Bulgakow, Das hündische Herz. Eine fürchterliche Geschichte. Erstmals auf Basis des Typoskripts letzter Hand aus dem Russischen übertragen, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Alexander Nitzberg. Berlin: Verlag Galiani, 2013

Bild: Wikimedia Commons // Molly grinning // Peter Theakston

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