Weil mich danach verlangt, zu leben und glücklich zu sein

Camus»Caligula: Du bist klug, und die Klugheit wird teuer bezahlt oder verleugnet. Ich für mein Teil zahle. Aber warum willst du sie weder verleugnen noch dafür zahlen?
Cherea: Weil mich danach verlangt, zu leben und glücklich zu sein.«

Dieses Zitat aus Albert Camus’s Drama »Caligula« habe ich mir, zusammen mit dem oben gezeigten Bild, in meinen ersten Monaten in Wien auf ein T-Shirt drucken lassen. Es gehört zu der Handvoll Zitate, die mein Leben geprägt und mir ermöglicht haben, es zu einem gelingenden Leben zu machen. Mit 18, frisch nach der Matura und hoffnungslos überfordert vom Leben in der Stadt, hat mir unter anderem dieses Shirt Halt gegeben.

Der Name des Fremden

Zum ersten Mal hörte ich noch in der Schulzeit von [Kamüh]. Ich weiß nicht mehr von wem und warum dadurch mein Interesse geweckt wurde, ich weiß nur mehr, dass ich wenig später in der Buchhandlung vor Stapeln mit rot-schwarz-weißen Rowohlt-Bänden eines Autors nahmens [Káhmuß] stehe. Sieht auch interessant aus, aber ich suche ja was anderes – zumindest glaube ich das, bis der irritierte Buchhändler mich auf meine Frage nach [Kamüh] hin wieder zu den Stapeln zurückschickt.

Ich glaube, ich habe als erstes »Der glückliche Tod« gekauft, vermutlich wegen dem Titel. Bilder sind mir im Kopf geblieben: Der Protagonist liegt im Bett und besitzt eine elektrische Kochplatte, auf der er sich ein Spiegelei brät. Es gibt eine Frau, den Strand, das Meer, einen Algerier, einen Mord. Oder war das schon »Der Fremde«? Ich erinnere mich, mit einem Freund im Park zu sitzen und zu erzählen, dass ich mit »Der Fremde« nichts anfangen könne. Ein Mord, der das Absurde ausdrückt – ich verstand es nicht. Und eigentlich ahne ich bis heute nur, was damit gemeint war, und wenn das stimmt, lehne ich es ab.

Ich las »Der Mythos von Sisyphos«, weil er mit der Frage nach dem Selbstmord beginnt und weil ich zum Thema Selbstmord in der Literatur meine Deutschmatura ablegen wollte. Es ging in dem Buch auch um Don Juan, und ich verstand auch davon nur sehr wenig. Aber die Frage, ob es sich zu leben lohnt, ob es überhaupt einen Sinn hat – die verstand ich, und den letzten Satz des Buches ebenso: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.« Denn im Grunde genügten diese zwei Sätze.

Die Stunde der Freundschaft

Und irgendwann in dieser Zeit »Die Pest«. (Ich habe das Datum ins Buch geschrieben: 4. III. 1993. Vor mehr als 20 Jahren.)

In einer Schlüsselszene sitzen die beiden Protagonisten auf einem Terrassendach über der von der Pest verwüsteten Stadt:

»An dem vom Wind blankgefegten Himmel funkelten reine Sterne, und der ferne Leuchtturm ließ alle paar Sekunden einen silbergrauen Schein darüber huschen. Die Brise trug einen Geruch von Gewürzen und Stein mit sich. Die Stille war vollkommen.›Hier ist es schön‹, sagte Rieux und setzte sich. ›Es ist, als wäre die Pest nie so hoch hinaufgestiegen.‹
Tarrou kehrte ihm den Rücken zu und betrachtete das Meer.
›Ja‹, sagte er nach einer Weile, ›hier ist es schön.‹
Er setzte sich neben den Arzt und schaute ihn aufmerksam an. Dreimal leuchtete der Scheinwerfer am Himmel auf. Geschirrklappern drang aus der Tiefe der Straße bis zu ihnen. Eine Tür im Haus wurde zugeschlagen.
›Rieux‹, sagte Tarrou in ganz natürlichem Ton, ›haben Sie nie versucht, herauszufinden, wer ich bin? Empfinden Sie Freundschaft für mich?‹
›Ja‹, sagte der Arzt, ›ich fühle Freundschaft für Sie. Aber bisher hat uns die Zeit dazu gefehlt.‹
›Gut, das beruhigt mich. Wollen Sie, daß dies die Stunde der Freundschaft sei?‹
Anstatt zu antworten, lächelte Rieux ihm zu.
›Nun denn …‹«

Diese Szene hat sich mir eingeprägt als ein Bild innigster Nähe. Eine Freundschaft, eine – nennen wir es beim Namen – Liebe dieser Art habe ich lange gesucht. Heute denke ich, es ist die Zeit nicht dafür, und ich bin der Mensch auch nicht mehr. Man trägt sein Herz heute ganz anders. Nur die Sehnsucht nach einer Männerfreundschaft ist mir geblieben, ihr immer beigemengt die Melancholie, dass sie mir als Frau ohnehin nicht zugänglich wäre.

Gleichzeitig aber hat Camus mir seine Lebenssicht geschenkt, die ein Auftrag ist, sich – mich – selbst zu kümmern: um das Glück, um die Gemeinschaft, um die anderen.

Von Sartre weiß ich nichts, nur den Satz: »Die Hölle, das sind die anderen.« Ich habe nie den Wunsch verspürt, mehr zu erfahren.

Camus‘ Lieblingswörter hingen lange auf einem Zettel an meinem Spiegel über dem Waschtisch:

»Die Welt,
der Schmerz,
die Erde,
die Mutter,
die Menschen,
die Wüste,
die Ehre,
das Elend,
der Sommer,
das Meer.«

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Ein Kommentar

  1. „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ …. einer der gscheitesten Sätze

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