Warum das Reden nicht hilft

»In solchen Zeiten des historischen Pessimismus, da der Einzelne immer wieder seine Ohnmacht zu spüren kriegt, verliert das Reden seine Bedeutung, weil es nichts ändern kann und weil auch niemand auf die Idee kommt, es könnte etwas ändern. Das macht Talkshows heute so unerheblich, selbst wenn sie intelligent und interessant sind. Weil es in Wirklichkeit um nichts geht, weil keine Hoffnungen damit verknüpft sind. (…) Wenn die Gesellschaft veränderbar scheint, dann quillt sie über von Streitthemen, die beredet werden müssen. Und dann wird auch entsprechend heftig gestritten: weil es um etwas geht. (…) Heute jedoch geht es um eine einzige Frage: ob die Politik in der Lage sein wird, die Macht von einer international weltweit vernetzten Oligarchie, die auch die Steuern verweigern kann, zurückzuerobern, und ob in Zeiten der ökonomischen Sachzwangherrschaft die Demokratie überleben kann oder ob sie zur entleerten Hülle wird, wie Colin Crouch meint. Ehe das nicht geklärt ist, ist es zwar interessant, trägt aber zur Lösung der Probleme kaum bei, über Weltbevölkerung, Klimawandel, Hunger usw. zu reden. Man kann es tun, aber wozu, wenn die von uns Gewählten nichts zu entscheiden haben? Die Machtfrage ist daher das Thema, über das zu reden ist – wobei wir uns allerdings bewusst sein sollten, dass darüber reden und öffentliche Meinung die Entscheidung in dieser Frage kaum beeinflussen können.«

Peter Huemer, Über das Reden schreiben, in: Falter, Wiener Stadtgespräch 1–25. Die Dokumentation

Foto: Wikimedia Commons // Manfred Werner – Tsui

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