Mein Ich ist der Wurlitzer im Lokal meines Lebens

Immer wieder wundere ich mich, wenn Menschen bruchlos und ganz zu sein scheinen und jeden Teil ihres Inneren als gleich wichtig, authentisch und mit sich selbst identisch ansehen.

Mein Innenleben ähnelt eher einem Wurlitzer, der österreichischen Traditionsmarke einer Jukebox. Ich habe viele verschiedene Platten drin, auch einige, die mir überhaupt nicht gefallen, die Hass und Selbsthass leiern, Klischees und Vorurteile. Die gehören zur Standardbefüllung, man kriegt sie mit, ob man will oder nicht. Ich weiß, dass sie da sind, spiele sie nur nach Möglichkeit nicht so oft. Für mich sind das Kurzschlüsse und Fehler, wenn sie sich hin und wieder selbst starten.

Meine eigene Auswahl ins Musikprogramm aufzunehmen war ein wenig aufwändig. Das macht man nicht jeden Tag, man muss im Handbuch nachschauen, wie das Ding aufgeht, wo man welche Schraube drehen muss und wie man die Platten einsetzt. Wahrscheinlich habe ich deshalb seit längerer Zeit keine neuen mehr eingebaut. “Ich könnte, wenn ich wollte” – na, man kennt das.

So habe ich trotzdem eine ziemlich bunte Mischung zusammengestellt. Sie passt nicht zusammen, sie widerspricht sich sogar. Die Platten stehen unverbunden nebeneinander, aber der Arm, der sie auswählt, ist immer der selbe. Mein Job ist es, die richtigen Tasten zu drücken. Wenn die Musik im Lokal meines Lebens Scheiße ist, kann ich niemand anderem die Schuld geben.

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Warum Gott nicht existiert

Antje Schrupp hat Gottes Existenz bewiesen. Oder nein, halt: Gottes Nicht-Existenz. Denn Gott ist – wie Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit – eine sprachliche Konstruktion der Menschen ohne innerweltliche Materialität.

Ich habe in einem Kommentar geantwortet, dass dies die schönste Begründung für Atheismus ist, die ich mir wünschen könnte. Antje Schrupp ist allerdings keine Atheistin, sie ist sogar eher das genaue Gegenteil davon, nämlich gläubig. Und weil mich das so überrascht, will ich kurz festhalten –

– dass hauptsächlich Ihr für mich dieses Unverfügbare, Ungreifbare, Undefinierbare seid: Ihr Menschen um mich herum und weit von mir entfernt, allesamt am Werk, die Welt zu erschaffen, ohne es zu wissen vielfach, oft auch voller Absichten, guter zumeist. Es ist unser Menschsein, das ewig unberechenbar bleiben wird.

– so unberechenbar und unverfügbar wie die Natur lebt und werkt, von der wir ein Teil sind, jedes von uns.

– so wie jeder Mensch und sogar ich selbst mir letztlich ein Rätsel und unbekannt bleiben wird, Leerstelle, unerreichbar.

Mit anderen Worten: Für mich ist nicht klar, was Antje Schrupp gewinnt, wenn sie an dem Konzept Gott festhält. Vielleicht schreibt sie dazu noch etwas.

Von den vielen guten Dingen, die mir die katholische Kirche geschenkt hat, bevor sie zur Sekte umgebaut wurde, sind Demut und Gottvertrauen mir die wichtigsten, weil sie zum Fundament meines Lebensglücks gehören. Als Atheistin, die ich jetzt bin, formuliere ich diese Dinge etwas profaner: “Nimm es nicht so schwer, du bist nicht so wichtig.” Und: “Alles wird gut.”

Warum Gott nicht existiert