stille, stille, kein geräusch gemacht

der coronavirus schleicht durch die stadt. wie seit so vielen jahren ist auch das wissen um diese katastrofe lange zeit ausschließlich durch die medien zu beziehen. was wäre, würde ich nicht lesen, nicht hören, nicht reden? dieser faschistische traum, für sich allein zu sein, von den anderen nichts wissen zu müssen, ausweis meiner unzähligen privilegien.

das kind wächst fast ohne nachrichten auf. wir sehen nicht fern, wir hören kaum radio, wenn die nachrichten auf superfly ungut werden, schalten wir ab. trotzdem muss er dinge erfahren: warum die schule ausfällt, warum seine eltern daheim sind jeden tag, warum junge schwarzköpfe (dass sie so genannt werden, weiß ich aus der zeitung, darf ich den begriff verwenden?) im dorf seiner großmutter leben, das weiß er, weil wir es ihm erklären.

dann fällt auseinander, was in gedanken linear und geordnet und erklärbar war. was menschen aushalten können, wie kinder aufwachsen müssen. die realität ist da, an jedem dieser küchentische und unter den fenstern, unter denen niemand mehr geht. sie schert sich nicht um meine kategorien. und auch wenn wir nichts lesen, werden plötzlich entscheidungen fällig.

all dies ist nichts gegenüber dem leid, das ihr erlebt habt. das ihr erlebt. die wohlfeilen tränen sind sinnlos, beschämend in ihrer totalen privatheit: das hilft jetzt niemandem außer mir selbst, mich besser zu fühlen. dann bleiben eine theoretische sorge, eine überforderung für ein paar tage. haare am kinn, die weiter wachsen und an denen ich zupfe, obwohl man mich anweist, das gesicht nicht zu berühren. pinzettenprobleme.

leben müssen gelebt werden, schrieb streeruwitz. immer tue ich zu wenig dafür, dass es den anderen dabei leichter wird. immer steht mir jemand bei, der h., und seit wann eigentlich geht mir all das so nahe?

bloggen gegen die zeit. es ist genug für heut abend.

wann und wieviel und

wieviel zeit lässt sich verschwenden über die fassungslosigkeit, plötzlich alt geworden zu sein, mutter geworden zu sein? wie lang kann man die alten texte wiederlesen, die alte musik wiederhören, wie lang kann man zurück schauen? wie oft muss man sich an seinen vater erinnern, an seinen glasigen blick auf den festen, wenn er die musik seiner jugend aufgelegt hat, bevor man ihm sein pathos wieder zugesteht? könnte man nicht drauf scheißen, auf die sorge, sich vollends lächerlich zu machen wie er?

könnte man nicht einfach nochmal so anfangen wie damals, als die augen sich auftaten und die kraft zum ersten mal sicher war, der rausch dieser monate, die welt ein panoptikum, eine wunderkammer, ein lachhaftes haus voller menschen und bilder, ist all das verloren? wird das neue in dieser zeit nur durch schmerzen zu gewinnen sein? ich hab doch gelitten, warum ist immer noch alles wie immer?

auf meinem arm: ein klebe-tattoo für kinder. in meinem ohr: rumpelschlagzeug und walzer von damals. heut rauche ich nicht mehr im haus, und die flasche gehört auch nur deshalb nur mir, weil niemand sonst da ist, ausnahmsweise.

sie fühlt sich nicht alt, sagt die m., mein jahrgang. ich sitze mit den dreißigjährigen frauen im plenum mit all meinen wünschen und frag mich: was hab ich zu geben, das einer von euch wertvoll sein könnte? sie sind nicht einmal an einem ort, wo ich ihnen diese fragen stellen könnte, sondern anderswo, von dem ich nichts weiß, ich bin ja nur hier, in diesem blog, verstockt und verfilzt und allein in der nacht.

Love in the Asylum

A stranger has come
To share my room in the house not right in the head,
A girl mad as birds

Bolting the night of the door with her arm her plume.
Strait in the mazed bed
She deludes the heaven-proof house with entering clouds

Yet she deludes with walking the nightmarish room,
At large as the dead,
Or rides the imagined oceans of the male wards.

She has come possessed
Who admits the delusive light through the bouncing wall,
Possessed by the skies

She sleeps in the narrow trough yet she walks the dust
Yet raves at her will
On the madhouse boards worn thin by my walking tears.

And taken by light in her arms at long and dear last
I may without fail
Suffer the first vision that set fire to the stars.
Dylan Thomas

Anrufung des Wasserbären

Kleiner Bär, schau herab vertrockneter Sack,
Wasserbärchen mit dem runden Rüssel,
Saugrohrrüssel
durch das Wasser rudern schwimmend
deine acht so kurzen Beine,
Stummelbeine,
wachsam schaun wir zu den Sternen,
wie gebannt von dir, und erwarten
deine müden Schritte und den scharfen
Schreck des neuen Lebens,
altes Tier.

Das Wasser: eure Welt.
Ihr: die Suppe draus.
Ich trink sie sauf sie
vom vergessenen Anfang
bis zum brennenden Ende,
tauch mich ein, füll mir die Haut
und werd prall bis zum Platzen.

Wundert euch oder wundert euch nicht!
Spart für die Reise zum Mond und gebt
dem Forschungsteam seine Gebühr,
dass es das Bärtier am Leben erhält.
Und haltet die Luft feucht.
’s könnt sein, dass dieses Tier
sich aufpumpt nicht mehr schläft
und alle Suppen schlürft, die von den Menschen
gerührt wurden, den großen, bescheuerten,
die aus dem Paradiese stürzten.

***

Anrufung des großen Bären

von Ingeborg Bachmann

Großer Bär, komm herab zottige Nacht,
Wolkenpelztier mit den alten Augen,
Sternenaugen
durch das Dickicht brechen schimmernd
deine Pfoten mit den Krallen,
Sternenkrallen,
wachsam halten wir die Herden,
doch gebannt von dir, und mißtrauen
deinen müden Flanken und den scharfen
halbentblößten Zähnen,
alter Bär.

Ein Zapfen: eure Welt.
Ihr: die Schuppen dran.
Ich treib sie roll sie
von den Tannen im Anfang
zu den Tannen am Ende,
schnaub sie an, prüf sie im Maul
und pack zu mit den Tatzen.

Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!
Zahlt in den Klingelbeutel und gebt
dem blinden Mann ein gutes Wort,
daß er den Bären an der Leine hält.
Und würzt die Lämmer gut.
s‘ könnt sein, daß dieser Bär
sich losreißt nicht mehr droht
und alle Zapfen jagt, die von den Tannen
gefallen sind, den großen, geflügelten,
die aus dem Paradiese stürzten.

***

Bild: By Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012) – Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S, et al. (2012) Comparative proteome analysis of Milnesium tardigradum in early embryonic state versus adults in active and anhydrobiotic state. PLoS ONE 7(9): e45682. doi:10.1371/journal.pone.0045682, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22716809

ein halbes jahr in haikus: 03/2019

060_publikum
heimkommen zum klang
die stimmen das haus sind da
spiegelneuronen

061_popcorn
die warme butter
hängt noch in der luft der duft
von kindheit und salz

062_burg
die tore versperrt
einsame enten paddeln
unten im graben

063_reisekostenzuschuss
ich werde spenden
der augustinverkäufer
muss nach haus fliegen

064_saisoneröffnung
morgens auf dem rad
will die stimme laut singen
wie vögel im baum

065_rollen lernen
status und ehre
von frauenhass weißt du nichts
bleibst unerschüttert

066_nacht
die stille daheim
kaum eine ahnung von welt
der neumond leuchtet

067_adaptiertes transparent
sicher legal und
auf krankenschein so müssen
abtreibungen sein

068_chorwochenende
verlassenes dorf
stimmen steigen in die luft
befreiter atem

069_rückfahrt
im auto schlafen
erschöpft und sehr zufrieden
märzwolken im sturm

070_ein guter tag
mit freunden gelacht
playmobil gespielt mit dem
kind voller geschichten

071_neben dir liegen
„du kuschelst dich an“
erzählt er von meinem schlaf
die liebe im traum

072_schlaflabor daheim
schlauch in der nase
kästchen auf der brust dein schlaf
braucht unterstützung

073_wachsen
kind auf meinem schoß
geduldige zahnärztin
jetzt platz für neues

074_ja
die alten fotos
mein lächeln als kind du sagst
„du warst wohl glücklich“

075_unerreichbar
der andere ort
wo ich nicht an mich denke
sondern einfach bin

076_unterwegs
licht wind und schatten
die donau strömt voller kraft
wir dösen im zug

077_christchurch
der 50 toten
ermordet von weißem hass
gedenkt das haka

078_mehr üben
wissen und können
unterschiedliche dinge
hochmut macht mich faul

079_mein baby
gemeinsam kochen
kuscheln lachen umarmen
liebe und trost sein

080_viel
bissi müde jetzt
wenn die woche vorbei ist
gehts es so weiter

081_märz
die morgensonne
fürstin der dächer erglüht
in gleißendem blau

082_frühling
gartenbänke raus
die kinder spielen im wald
gummistiefelglück

083_sperber
fliegender jäger
ertränkst die beute im teich
fliehst vor meinem blick

084_spaziergang
in den wind gelehnt
lachende frühlingssonne
das kapperl fliegt weg

085_unverständnis
tränen toben streit
ich zwinge dich zu lernen
warum willst du nicht

086_gefährliches spiel
statt aller freundschaft
die liebe zu meinem kind
meinem mann uns drei

087_stimmbildung
„du bist noch schöner
nach dem singen“ sagt der mann
lebender atem

088_wiedersehen
toben und kämpfen
die kindergartenfreundschaft
setzt sich nahtlos fort

089_study
allein am schreibtisch
lesen lernen wie früher
nur zu wenig zeit

090_wandern
wir hocken im gras
warten auf den vollen bus
zusammen mit dir

ein halbes jahr in haikus: 02/2019

032_frau d.
an meiner seite
die schattenfrau und ihr hund
ich schicke sie weg

033_allein im vogelweidpark
ein hetzer christi
lauert leuten im park auf
ich gehe rasch fort

034_wut ist angst
der zorn des kindes
verfliegt sobald die mutter
wieder greifbar ist

035_kurz nach acht
schön ist die sonne
am kalten wintermorgen
göttin der hoffnung

036_mein körper meine wahl
die rede ist frei
der körper der frau ist es nicht
doch der wind dreht sich

037_was auch passiert
das glück kommt plötzlich
unbemerkt verfliegt die not
gute gemacht liebe

038_wiedersehen
fremd seid ihr euch jetzt
nach nur ein paar monaten
andere menschen

039_glück
was das stadtkind braucht
eisschollen schnee im garten
und papa bei ihm

040_pflichten
so viele gäste
ich möchte bald allein sein
margit geht heute vor

041_zurück
die ordnung daheim
meine regeln mein alltag
hier gehör ich hin

042_musik
lass uns doch singen
die worte genügen nicht
um es zu lernen

043_entschuldige
ob dein zartes herz
mir vertraut auch in der wut
ich war wohl zu hart

044_wo fang ich an
empathie saugt mich
in den strudel deiner angst
mitleid und grenze

045_wohnzimmerfenster
ordnung und ruhe
das zusammensein blüht auf
wie die orchideen

046_vergessen
am morgen der tod
mittags lachen wir andern
als wäre es nichts

047_kind am morgen
wochenende ist
zum abhängen da sagt er
und tappt zum sofa

048_daheim
die anwesenheit
meiner zwei liebsten menschen
macht mich immer ruhig

049_orientierung
wohin wir gehen
weiß die seele schon vorher
sie sagt es nur nicht

050_streit
das unverständnis
braucht sehr viel platz in der küche
wir sehen und an

051_der trainer spricht
„nach einem feedback
sprang ein mensch von der brücke“
mehr sagt er nicht

052_rape culture
die panik ein spiel
eure blindheit macht mich krank
warum seht ihr nicht

053_wetterumschwung
der frost kehrt zurück
die seele streckt sich erneut
der winter ist aus

054_fernweh
bilder von schottland
die sehnsucht nach ruhe wächst
der kampf beginnt erst

055_horizont
im gehen mit dir
kommt die welt zu mir zurück
mein geliebtes kind

056_feminismus
anfangen können
neues in die welt bringen
zusammen geht es

057_plaudertasche
„und dann und dann und
dann“ sagt der kleine zu mir
ein fließendes glück

058_motto
es wäre so leicht
nichts wollen und nichts sagen
leben veratmen

059_texte schrubben
routinearbeit
den countertenor im ohr
so geht es gerade

Bild: Maggie Nelson, The Art of Cruelty. A reckoning
„Walking out reminds you that while submission can at times be a pleasure, a risk worth taking, you don’t have to manufacture consent whenever or wherever it is nominally in demand.“

ein halbes jahr in haikus: 01/2019

001_neujahr
ein ganz neues jahr
mit einer katze am schoß
am graublauen strand

002_kourion
der wind wühlt im haar
wie vor zweitausend jahren
atem der toten

003_choirokoitia
kreisrunde hütte
steinerner schutz vor der nacht
mehr brauchten wir nicht

004_kopfkino
das flugzeug dreht um
eine frau will aussteigen
statt ihr fliegt die angst

005_urlaubsfotos
der sohn wird größer
die weiblichkeit verschwindet
ich vermisse sie

006_daheim
wir sind zusammen
im gehäuse der wohnung
geborgenes glück

007_erledigungen mit schulkind
er kickt eisbrocken
auf seinem weg durch die stadt
die männer lächeln

008_peggy
erinnerungen
an das frühere leben
in ihrem gesicht

009_jakub
die knabenstimme
voll aufgeregter triller
die haut spürt den ton

010_ein abend mit hans
dich wiederfinden
in der musik im gespräch
trägt uns die liebe

011_rülps
der bauch drückt und spannt
die augen werden schwerer
morgen ist fasttag

012_porträts
hunderte jahre
gesichter blicken mich an
ein gruß durch die zeit

013_ice age
tut dir der film gut?
die angst der tiere ist echt
in deinem herzen

014_zärtlichkeit on the go
du in der u-bahn
meine hand an der wange
ich fühle dein glück

015_im hipster-café
in tiefen sesseln
die runde junger leute
leise und freundlich

016_morgen
ein tag eine welt
es ist eins in deinem herz
ein neuer anfang

017_drama
die langeweile
hockt auf der sofalehne
und zwickt dich ins ohr

018_gesellschaftsfähig
keine scham stützt mich
nur das erlernte schweigen
von dem du nichts ahnst

019_weiter
die endlose zeit
die noch gelebt werden muss
unwissend wie schnee

020_leben
ich vertraue dir
mein herz der wandelbaren
kraft deines pulses

021_nacht
der scheinwerfermond
beleuchtet die schwarze stadt
schritte auf dem stein

022_schulung
„für mich ist’s ein spaß“
es ist ein guter lehrer
der die freude teilt

023_kollegen
der bruder den ich
nie hatte könntest du sein
wir wissen es nicht

024_radikaler pensionist
er kommt in rage
vor dem blauen bmi
„der giftzwerg muss weg“

025_hans und niki im bad
die zeit die du brauchst
sie tropft aus dem wasserhahn
in meine arme

026_hatschi
es tropft und es rinnt
der dicke kopf tut mir weh
morgen wird’s besser

027_krankenkost
grießbrei mit kakao
den mache ich mir selber
bin mir selbst mutter

028_im kinderzimmer
spielgefährt_innen
ruhiger fluss der fantasie
autos und helden

029_relapse
husten und schnaufen
schmerzen und taschentücher
tränen, brot, allein

030_trost
innen nach außen
die mutter kommt zu hilfe
sie sieht uns schlafen

031_nachwassern
ein ehevertrag
wäre wohl klug gewesen
meint die enttäuschung

Bild: Museum der Illusionen 24.01.2019

hitze

tage, an denen die beine zu schwer sind, die wampe zu groß, die haut zu trocken, die augen zu schlecht.

der hunger zu ziellos.

die haare rascheln wie zeitungspapier. im mund stößt das essen auf, hantig und falsch. schwarz verdreht sich der blick, aber das gewitter kommt nicht herunter.

keine verhandlungen mehr, kaum noch ein wort, nur weitergehen. und dann endlich ins bett.

dezember, again

die jahresendzeitmelancholie hat mich an der gurgel, schon jetzt geht mir eigentlich die kraft aus und das gemüt zerfranst in alle richtungen, dabei dauert der spaß sicher noch zwei, drei wochen.

wenn ich schon morgens melancholisch gestimmt an der uni vorbei ins büro schleiche, ständig im dialog mit irgendeiner inneren romantikinstanz; wenn die bloße anwesenheit von jahrein, jahraus freundlichen straßenzeitungsverkäufern im jonasreindl mir die tränen in die augen treibt; wenn etwas in mir sich wünscht, dass mir wichtige menschen mich so sehen und in meiner großartigen schmerzzerrupftheit wahrnehmen würden; wenn all das so ist und dann noch eine andere innere stimme mir ständig sagt: was jammerst du, privilegiertes gör? andere haben wirklich grund zum klagen.

dann ist dezember.

a love supreme

Plötzlich erschüttert vom Bericht über eine Männerfreundschaft, in Kontext mit anderen produktiven und erfolgreichen Männerfreundschaften gesetzt. Die Trauer wie damals, roh: niemals zugelassen zu werden, niemals auch nur hoffen zu dürfen, es eines Tages zu erleben. Camus, Die Pest. Manche Themen kehren einfach immer wieder.

Foto: Aris Tsagaridis, Discussing (CC BY-NC 2.0)

The Friendship That Made Google Huge
Coding together at the same computer, Jeff Dean and Sanjay Ghemawat changed the course of the company—and the Internet. By James Somers
The New Yorker (December 10, 2018)